Von Stätten zu Städten des Wissens

Die geistige, kulturelle und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von Ländern, Städten und Gemeinden basiert grundlegend auf der Fähigkeit, Wissen anzuziehen, zu vernetzen und zu nutzen. Wissensstädte und -regionen sind die zukünftigen Knoten in einer vernetzen, globalen Welt.

Kaum ein Begriff wird aktuell so strapaziert wie Wissens – und kaum ein Begriff ist so unverstanden und so ungenau definiert. Schnell assoziieren wir, dass der Inhalt unseres Kopfes Wissen sein muss. Wissen ist aber eher ein Entwicklungsprozess als eine „Substanz“, die uns mit dem Trichter eingefüllt wird, oder, um es metaphorisch zu sagen: ein Verb anstatt ein Substantiv. Wissen will erworben, gepflegt, erweitert, kommuniziert oder ausgetauscht sein. Wissen ist nicht nur Information, sondern interpretierte und behandelte Information, die sich als etwas ebenso Lebendiges verstehen lässt, wie es eine Zelle unseres Körpers oder ein ganzer Organismus ist. Ein wenig weiter gedacht kann es nicht nur individuelles, also „mein“ Wissen geben, sondern das Wissen ganzer „Körperschaften“, also Kollektiven von Menschen. Man spricht dann von organisatorischem, gesellschaftlichem oder gemeinschaftlichem Wissen.

Monopol auf Wissensvermittlung?

Ohne Diskussion haben wir es bislang für das Selbstverständlichste gehalten, dass die dafür geschaffenen „Anstalten“ der Wissensvermittlung ein Monopol darauf besitzen: Schulen, Kindergärten, Hochschulen, Universitäten und gegebenenfalls die Medien, sofern sie sich als Bildungsvermittler verstehen. An der Spitze der Gemeinschaft von Wissens-Erschaffern und WissensarbeiterInnen wurde bislang der/die WissenschafterIn erachtet, der/die gewöhnlich an einer „Stätte des Wissens“, also an einer Universität oder in einem Forschungsinstitut tätig ist.

Synchron mit dem Durchdringungsgrad des Internets verändern sich diese Strukturen. Man spricht derzeit von virtuellen Schulen oder Fakultäten, die es ihren Studierenden ermöglichen, unabhängig von einem fixen Stundenplan oder einer festen inhaltlichen Präsentation, wie z.B. einem Buch, sich Wissen „reinziehen“ zu können. Wen es interessiert und wer einen iPod als Wiedergabegerät besitzt, kann die Probe aufs Exempel machen und sich aus dem Internet ganze Vorlesungen in das Gerät übertragen und so ein Studium „im Schlaf“ erledigen. Der/die LeserIn hat den Widerspruch längst erkannt: Wenn Wissen ein lebendiger Prozess ist, dann ist dieser nur lebensfähig, wenn Wissen zwischen Menschen kommuniziert wird, und Menschen ersetzt der beste Computer nicht, auch nicht der Austausch via Internet, Facebook, Twitter etc. Als Menschen sind wir darauf „programmiert“, uns immer wieder auch menschlich und angreifbar zu begegnen. Die neue Frage ist nur, wo und wie und in welchem Ambiente? Die alte Universität hat deshalb noch längst nicht ausgedient, ist aber auch nicht mehr der einzige Hort des Wissensaustauschs.

Wissensstädte

Derzeit entwickeln und profilieren sich urbane Agglomerationen als „Wissensstädte“. Waren es bislang der Stadtplan, die Gebäude und ihre Architekturen, die Kultureinrichtungen, die Anmutung und das Image, die eine Stadt attraktiv machten, nimmt man seit wenigen Jahren wahr, dass es für die Qualität einer Kommune mindestens ebenso darauf ankommt, ob in einer Stadt wissende Menschen leben und diese aktiv am Wissensaustausch teilnehmen.

Im Herbst 2009 fand in der mit 11 Mio. EW viertgrößten chinesischen Stadt Shenzhen, wenige Kilometer nördlich von Hong Kong entfernt, die von der Stadtführung hoch geschätzte, zweite „Gipfelkonferenz der Wissensstädte“ statt, wo – unter der Wortmarke MAKCi – unter den weltweit als solche wahrgenommenen Wissensstädte die besten prämiert wurden. Bemerkenswert an dem Wettbewerb ist die höchst systematische Analyseprozedur, nach der die internationalen Juroren vorzugehen haben. Sie sollen ermitteln: das „Identitätskapital“, das „Wissenskapital“, ob eine finanziell sichere Basis existiert, die Qualität der Beziehungsgeflechte, das Wissensvermögen der einzelnen BürgerInnen und von Bürgerkollektiven, die materielle Basis in Form von Bauten und Strassen sowie das „Fähigkeitskapital“ von BürgerInnen und der Verwaltung. Und alle diese Aspekte sind hinsichtlich der Lebendigkeit in ihrem Zusammenwirken zu untersuchen. Im Jahr _009 hat Barcelona den MAKCiAward in der Kategorie Knowledge-Metropolis, und Manchester in der Kategorie Knowledge-City-Regions gewonnen.

Was ist nun eine „Wissensstadt“ konkret? Die bisher typischen Profile einer Stadt, die durch Baudenkmäler, Wirtschaftsbetriebe, die „harte“ Infrastruktur sowie Kulturstätten geprägt waren, weichen dem Image von Lebensqualität, Geselligkeit, Kunst, Kultur und eben „Wissen“. V.a. Städte, die sich in tiefgehenden Transformationsprozessen befinden – als Beispiel ließe sich etwa Linz zitieren – wollen diesem neuen Lebensbedürfnis ihrer BürgerInnen sowohl durch ein verbessertes Kulturangebot, aber auch durch erweiterte Möglichkeiten des sich Bildens, Lernens, Kunst Produzierens und damit eines Angebots an attraktiven Arbeitsplätzen differenzieren. Festzuhalten ist, dass ein Anspruch „Wissensstadt“ werden oder sein zu wollen, sich nicht per Deklaration erreichen lässt, vielmehr erwartet sich ein/e externe/r BeobachterIn und AnalytikerIn einer Wissensstadt, dass diese „Qualitätsmarke“ mit einer qualifizierten Analyse wie z.B. einer so genannten Wissensbilanz, hinterlegt und bewiesen ist. Eine mögliche, vom World Capital Institute in Monterrey/Mexiko, publizierte Charakterisierung und Ausprägung für eine „Wissensstadt“ wird entlang folgender Indikatoren definiert:

  1. „Identiätskapital“, d.h. die klare Profilierung und Erkennbarkeit der Vorteile und der Charakteristika einer Stadt.
  2. „Intelligence Capital“, womit die Fähigkeit der intelligenten Konzeption und Umsetzung einer Entwicklungsstrategie einer Stadt gemeint ist.
  3. „Finanzkapital“, hier unter dem Aspekt der prinzipiellen Fähigkeit zur finanziellen Investition in die Zukunft zu verstehen.
  4. „Beziehungskapital“ – dessen Definition entspricht dem, was auch im österreichischen Wissensbilanzmodell darunter verstanden wird. Bei einer Stadt wären dies z.B. Partnerschaften, Verbandsmitgliedschaften u.ä.m.
  5. „Individuelles Humankapital“, also das Vermögen, die Kenntnisse und Fähigkeiten, über das die BürgerInnen als Individuen verfügen und das statistisch als „Bildungsprofil“ der Bürgerschaft ausgewiesen werden kann.
  6. „Kollektives Humankapital“, das ist das Humankapital, das definierte Kollektive von BürgerInnen z.B. in der Personifizierung von Vereinen Initiativen etc., einzubringen in der Lage sind.
  7. „Materiellinstrumentelles Kapital“, darunter sind die materiellen Ressourcen und Instrumente zur Realisierung einer städtischen Wissensstrategie zu verstehen.
  8. „Wissensinstrumentelles Kapital“ stellt die Wissens-Ressourcen und Instrumente dar, mit denen die Wissensstrategie einer Stadt umgesetzt werden kann.

Wissen als Prozess

Nach jahrelangen Diskussionen würde ich mir heute trauen zu definieren, was Wissen ist, auch wenn ich diesen Versuch eingangs in Zweifel zog: Wissen ist ein Prozess, in dem ich verschiedene Sachverhalte, Aspekte und Empfindungen in einen immer neuen Beziehungszusammenhang stelle und somit „die Welt“ kontinuierlich neu interpretiere. Wissen hat nichts mehr mit der buchhalterischen Verwaltung eines Wissensvorrates nach dem Muster eines Lexikons zu tun, sondern viel mehr mit dem Kombinieren und Rekombinieren von Wissenselementen als Erklärungselemente einer – auch deshalb – immer komplexer werdenden Welt. Auch in der Millionenshow ist weniger die richtige Antwort als solche spannend, sondern wie der/die KandidatIn sich zur Antwort müht, wann und wie er/sie den Joker wählt und wie Publikum oder AuskunftgeberIn mit dem/der KandidatIn interagieren. Gibt es eine bessere Metapher als eine ganze lebendige (Wissens)Stadt, wie es z.B. Wien ist, die dieses Verständnis von Wissen verbildlichen könnte?

AutorInnen:

  • Prof. Dipl.-Inf. Günter Koch, Generalsekretär des New Club of Paris, Partner und Gesellschafter der KM-A
erschienen in: 
Forum Public Management 2009, 4, S. 10-11
Jahr: 
2009