Stadtregionen: Ein einheitliches Konzept fehlt in Österreich. Was ist möglich und wie geht es weiter? Ein Überblick

In der aktuellen Diskussion werden zahlreiche Begriffe verwendet, um das Phänomen „Stadtregion“ zu beschreiben. Infolge der Gleichsetzung der Begriffe „interkommunale Kooperation“ mit „Stadt-Umland-Kooperation“, mit „Stadtregionen“ und „stadt-regionalen Initiativen“ entstehen häufig Unklarheiten. Der Begriff „Stadt-Umland-Kooperation“ suggeriert auch, dass zentrale Städte das Umland dominieren. Dies ist jedoch nicht der Fall: Bei Stadtregionen dominiert nicht ein zentraler Ort über die Umlandgemeinden, sondern ein oder mehrere Handlungsfelder werden in der Region als wichtig für die weitere Entwicklung erkannt und deshalb kommt es zu gemeinsamen Aktivitäten im Rahmen der Stadtregion.

Internationale Beispiele

Stadtregionen sind in anderen Ländern bereits umfassend etabliert. Insbesondere in Deutschland finden sich mehrere Metropolregionen, welche rechtlich und organisatorisch verankert sind (z.B. Regionalverbände Frankfurt am Main, Stuttgart; Gebietskörperschaften Hannover, Aachen; Europäische Metropolregion München (EMM) etc.). In der Schweiz wurde eine bundesweite Agglomerationspolitik etabliert, die mittels Bundesbudget stadtregionale Projekte fördert.

Die bestehenden Formen der Zusammenarbeit innerhalb der Stadtregionen unterscheiden sich in Bezug auf 4 zentrale Merkmale1: Grad der Institutionalisierung, beteiligte AkteurInnen, Themenbezug und Aufgabengebiet. Aus dem Zusammenwirken dieser vier Einflussgrößen ergibt sich eine Vielfalt an unterschiedlichen Kooperationsformen und typen in der heutigen Praxis, die Bandbreite reicht vom einfachen Informations- und Abstimmungstyp, über vertragliche Vereinbarungen, Vereine und Planungs- oder Zweckverbänden bis hin zur gemeinsamen Agglomerationspolitik. Entsprechend der spezifischen Problemstellungen in den Stadtregionen ist die Bandbreite der stadtregionalen Handlungsfelder sehr groß. Es können jedoch einige zentrale Themenbereiche extrahiert und zusammengefasst werden, welche gleichsam Potenziale für künftige Kooperationen in den österreichischen Stadtregionen bieten:

  • Gemeinsames Marketing: Bewusstseinsbildung und Schaffen einer stadtregionalen Identität zur Förderung des Zusammenhalts, Positionierung der Stadtregion im internationalen Wettbewerb durch gemeinsames Auftreten nach außen
  • Vernetzung der Region: Aufbau tragfähiger und nachhaltiger Netzwerke und Kooperationen zwischen den Gemeinden und weiteren Akteuren in der Region
  • Wirtschaftsförderung und -entwicklung: Kooperationen zur Entwicklung von Gewerbeflächen und zur Betriebsansiedelung2 bis hin zu einer integrierten gemeinsamen Standortentwicklung
  • Nachhaltige Verkehrsentwicklung: Stadtregionales Verkehrskonzept, Optimierung Öffentlicher Personennahverkehr, Mobilitätskonzepte und -maßnahmen zur Verkehrslenkung und -vermeidung
  • Schaffung bzw. Erhaltung einer hohen Lebens- und Umweltqualität: Grünraumentwicklung, Naherholung und ökologische Ausgleichsflächen; Betreuung und Pflege; Freizeit- und Kultureinrichtungen; Ressourcenmanagement und verstärkter Einsatz erneuerbarer Energien
  • Nachhaltige Siedlungsentwicklung (Regionale Flächennutzung) und Kulturlandschaft, Transparenz und Koordination bei örtlichen und regionalen Entwicklungsplänen
  • Wissenswirtschaft: Weiterentwicklung insbesondere der technologie- und wissensbasierten Wirtschaft in der Region, Aufbauen von Informations- und Kommunikationsplattformen, Bereitstellen von Internetportalen3 sowie umfassende Maßnahmen zur Wissensvermittlung

Stadtregion versus Kooperation

Stadtregionales Handeln ist mehr als Kooperation. Zur Steuerung des „Gesamtsystems Stadtregion“ bedarf es einer übergeordneten Struktur zur Koordination, Vernetzung und Unterstützung der stadtregionalen Aktivitäten und Akteuren im Sinne einer stadtregionalen Governance.

"Stadtregiones Handeln ist mehr als Kooperation."

„Stadtregionale Governance bezeichnet Steuerungskonzepte, die verstärkt auf Kooperation und Verhandlung ausgerichtet sind, und in welchen es vor allem um eine zielgerichtete Kombination unterschiedlicher Steuerungsinstrumente (direkte, indirekte) sowie verschiedener Steuerungsmechanismen (Hierarchie, Netzwerke, Markt) geht.“4

Abb. 1: Stadtregionale Governance-Elemente
Quelle: ÖROK: Stadtregionen, 2009, S. 49

Abbildung 1 veranschaulicht die Elemente und Handlungsbereiche von stadtregionaler Governance.

Herausforderung Stadtregionen

Mit der zunehmenden Veränderung der Siedlungs- und Raumstrukturen hin zu zusammenhängenden Stadtregionen, die über die bestehenden Verwaltungsgrenzen nicht mehr abgebildet werden können, wurden auch für und in Österreich bereits mehrmals die Stadtregionen räumlich abgegrenzt, welche jedoch bislang weder in der Raumentwicklung und den Verwaltungsstrukturen noch im öffentlichen Bewusstsein verankert sind.

"Die österreichischen Stadtregionen benötigen ein einheltliches Konzept."

In der österreichischen Diskussion zu Stadtregionen wird in erster Linie auf die Definition von 38 Stadtregionen im Rahmen der ÖROK-Studie „Räumliche Entwicklungen in österreichischen Stadtregionen – Handlungsbedarf und Steuerungsmöglichkeiten“ Bezug genommen.5

Sämtliche Abgrenzungen basieren im Wesentlichen auf raumstrukturellen Merkmalen, wie der Bevölkerungsdichte und der Bebauungsstruktur sowie auf der Intensität und dem Ausmaß der Beziehungen und Verflechtungen zwischen Kernstädten, den Subzentren und deren Umland.

Schlussfolgerungen

Es bedarf folglich keiner neuerlichen Definition und Abgrenzung von Stadtregionen, sondern die bestehenden sollen herangezogen werden, um ein einheitliches Konzept für die österreichischen Stadtregionen zu erarbeiten. Um nicht in der Diskussion der Abgrenzung zu verharren, ist es empfehlenswert, die räumliche Festlegung der Stadtregionen (zunächst) möglichst offen und flexibel zu gestalten, so dass, entsprechend der spezifischen Problemstellungen oder aber auch infolge einer dynamischen Siedlungsentwicklung, nicht nur Eingrenzungen, sondern auch Erweiterungen vorgenommen werden können.

Konkret geht es um den Aufbau von Strukturen zur Steuerung und Koordinierung der Entwicklung der Stadtregionen, die Schaffung einer strategisch-operativen Ebene, über die die vielfältigen Akteuren und kooperativen Aktivitäten auf stadtregionaler Ebene vernetzt und koordiniert werden. Durch die Festlegung klarer gemeinsamer „Spielregeln“ und die Übernahme zentraler gemeinsamer Aufgaben für die Stadtregion soll das Zusammenwirken ebenen- und grenzüberschreitend unterstützt und zunehmend institutionalisiert werden. Zentrales Element der Debatte muss auch die Festlegung der Aufgaben und Inhalte der stadtregionalen Aktivitäten sein, denn „form follows function“: Die rechtliche Form und der Grad der Institutionalisierung ergibt sich auch bei Kooperationen vielfach erst aufgrund der Erfordernisse aus den gesetzten Zielen und Aufgaben, aber auch aus der Zusammensetzung der Beteiligten.

Konsequenterweise sollte als Basis für die weiteren Schritte ein umfassendes Governance-Konzept für die österreichischen Stadtregionen, das neben der Festlegung der Stadtregionen vor die zentralen Aufgaben und thematischen Schwerpunkte sowie Modelle zur Finanzierung umfasst, entwickelt und konkretisiert werden. Die Organisationsform muss ebenso definiert werden, wie die Stellung der einzelnen Kooperationen, Netzwerke und Akteuren sowie der Einsatz unterschiedlicher Instrumente zur Raumentwicklung und -steuerung.

Wesentlich dabei ist jedoch, dass Stadtregion nicht gleich Stadtregion ist. Die unterschiedliche Struktur und Zusammensetzung der Stadtregionen sowie die spezifischen Problemstellungen erfordern unterschiedliche Konzepte und Modelle: Die Metropolregion Wien-Bratislava muss jedenfalls gesondert behandelt werden. Den größeren Mittelstadtregionen um die Landeshauptstädte Graz, Linz, Innsbruck, Salzburg und Klagenfurt sowie den Klein- und Mittelstadtregionen, wie beispielsweise Wels, St. Pölten und Villach, sind Governance-Modelle anzubieten. Ob die derzeit diskutierte Rechtsform der „Gebietsgemeinde“ hier eine Rolle spielen kann, ist zu klären.

Prozessbegleitend können bereits zahlreiche Maßnahmen ergriffen werden, um den Boden für Stadtregionen zu bereiten: Maßnahmen zur Entwicklung des stadtregionalen Bewusstseins ebenso wie Maßnahmen zur Visualisierung des Nutzens und Mehrwerts von Stadtregionen sowie die Implementierung von monetären, aber auch nicht-monetären Anreizsystemen für stadtregionale Kooperationen.

Anmerkungen:

  1. Vgl. dazu: ÖROK: Stadtregionen, 2009, S. 50-51.
  2. Beispiel: Deutschland: Konzept der Bildung von regionalen Gewerbeflächenpools
  3. Beispiele Geoportale, Standortdatenbanken: Gewerbeflächenportal GEFIS der Metropolregion Hamburg (Nähere Informationen: http://metropolregion.hamburg.de/gefis/), Plattform INKOBA (Interkommunale Betriebsansiedelung; nähere Informationen: http://www.inkoba.at/)
  4. ÖROK: Stadtregionen, 2009, S. 49.
  5. Vgl. dazu: ÖROK: Stadtregionen, 2009.

Weiterführende Literatur:

ÖROK: Räumliche Entwicklungen in österreichischen Stadtregionen – Handlungsbedarf und Steuerungsmöglichkeiten (=ÖROK-Schriftenreihe, Bd. 179). Wien 2009.

erschienen in: 
Forum Public Management 2012, 3, S. 4-7
Jahr: 
2012