Räume für Identität: Ehrenamt und Bürgerengagement in Feldkirch

Ehrenamt und bürgerliches Engagement sind wichtige Säulen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Ohne Ehrenamt und bürgerlichem Engagement können Gesellschaften nicht existieren. Ehrenamt und bürgerliches Engagement wird dabei verstanden, als das sich Einbringen in die Gemeinschaft und das Tragen von Mitverantwortung für die Gesellschaft.

Durch die gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen bedingt, gibt es immer mehr Menschen, die sich mit ihrer Stadt nicht mehr verbunden fühlen. Die österreichische Wertestudie zeigt auf1, dass die Individualisierung als die innere Loslösung des Einzelnen aus der Gemeinschaft zunimmt. Es wächst eine Bevölkerung heran, die in keine klaren Verpflichtungen mehr eingebunden ist. Daraus entsteht Individualität auf der Beziehungsebene, aber auch Unsicherheit über Positionierung und Zugehörigkeit. Ich-Bezogenheit, Sozialblindheit und Erörterungstaubheit stellen sich ein. Wenn Solidarität verloren geht, nimmt auch bürgerliches Engagement ab. Die Bereitschaft der BürgerInnen, sich für die Stadt einzusetzen, sinkt. Polarisierungen aus Motiven der Selbstverwirklichung nehmen zu. Viele Probleme unseres Gemeinwesens sind in der gesellschaftlichen Struktur beheimatet und deshalb nicht unmittelbar zu lösen. Wichtig ist es aber, das Erkennen dieser Probleme zu fördern und Problemlösungsprozesse zu initiieren. Die Befähigung zum Urteil, zur Mitwirkung und zur Mitsprache muss gefördert werden. Die Weiterentwicklung von Wertorientierungen und die Fähigkeit zur kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen sind zu unterstützen. Soziale Innovationen, Selbstverwirklichung und Chancengleichheit sind zu fördern. Aus dieser Perspektive betrachtet, kann Ehrenamt und Bürgerengagement einen Beitrag leisten, Menschen Möglichkeitsräume zu bieten, damit sich Verbundenheit und Identität entwickeln kann.

„Die Weiterentwicklung von Wertorientierungen und die Fähigkeit zur kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen sind zu unterstützen.“

Diese Überlegungen und die ergänzende Feststellung, dass bei einer sinkenden Integrationsfähigkeit einer Gesellschaft möglicherweise auch die Voraussetzung für ehrenamtliches Engagement sinkt2, begründen die Förderung von Ehrenamt und Bürgerengagement in Feldkirch. Deshalb wurde vor zehn Jahren eine Organisationseinheit geschaffen, die sich schwerpunktmäßig mit diesem Thema beschäftigt: Das Büro für Ehrenamt.

Musik verbindet
Quelle: Stadt Feldkirch

Ziele

Die Organisationseinheit des Büros will verschiedenste Formen des bürgerlichen Engagements in Feldkirch ermöglichen und unterstützen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind erste Ansprechpartner für Vereine, Institutionen und Freiwillige in Feldkirch. Das Büro bietet Hilfestellung bei verschiedensten Vereinsanliegen (z.B. bei der Vereinsgründung, bei organisatorischen Fragen, Veranstaltungen, Statutenänderungen etc.), setzt Themen, die der Stadt wichtig sind, gemeinsam mit Vereinen um. Gemeinsam mit Organisationen und Institutionen, die freiwilliges Engagement unterstützen, werden neue Angebote für Vereine (z.B. Weiterbildungen) erarbeitet.

Aufgaben

Das Büro versucht, bestmögliche Rahmenbedingungen für Vereine, Initiativen, Organisationen und Einzelpersonen in Feldkirch zu schaffen. Weiters unterstützt es in der Bewusstseinsbildung, dass Ehrenamt und Engagement als wertvolle Stützen unserer Gesellschaft anerkannt werden. Gemeinsam mit den agierenden Personen werden Netzwerke aufgebaut, die Unterstützung bieten. Die Vernetzung zwischen Vereinen, Institutionen und Freiwilligen zu fördern, ist ein wichtiges Ziel. Ergänzend wird versucht, Möglichkeiten zu schaffen, damit Interessierte auch zeitlich begrenzt oder projektbezogen ehrenamtlich tätig werden können.

Vereinsplattform

Um dem wachsenden Bedürfnis nach Öffentlichkeitsarbeit nachzukommen, hat die Stadt Feldkirch eine Internetplattform für Vereine geschaffen. Die Plattform bietet den Vereinen folgende Möglichkeiten: Mit einem persönlichen Login können aktuelle Vereinsinformationen publiziert, Veranstaltungen angekündigt und Bildergalerien online gestellt werden. Mit den individuellen Zugangsdaten ist gewährleistet, dass die Informationen aktuell sind. Die Vereinsplattform ist aber nicht nur dafür gedacht, dass die Vereine sich und ihre Arbeit präsentieren, sondern dient auch als Nachschlagewerk für die Feldkircherinnen und Feldkircher zum Vereinsangebot in ihrer Stadt. Die Stadt Feldkirch möchte die Vereine mit der Plattform in Sachen Öffentlichkeitsarbeit unterstützen und gleichzeitig das Ehrenamt für die Bevölkerung noch attraktiver machen. Interessierte Vereinsmitglieder erhalten eine Einschulung in das einfach zu bedienende Programm. Wer Hilfe braucht, der kann sich beim Büro für Ehrenamt melden.

Das Büro für Ehrenamt versucht über verschiedene Projekte und Aktionen den Vereinen Möglichkeiten zur Präsentation zu bieten. Weiters wird von Seiten der Stadt Feldkirch bewusst darauf geachtet, kontinuierlich Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Ehrenamt zu betreiben.

Beispiele für Projekte

Die Feldkircher Vereinsmesse soll den Feldkircher Vereinen die Möglichkeit bieten, auf mehreren Ausstellungsebenen und auf einem großen Freigelände ihre Leistungen der Bevölkerung näher zu bringen. Eingebunden werden dabei alle Vereine sei es aus Sport, Kultur, Jugend oder Soziales. Eine Aktionsbühne bietet außerdem Platz für Präsentationen. Die Vereinsmesse wurde bereits zweimal mit großem Erfolg durchgeführt.

„Wie kann Ehrenamt und Bürgerengagement nachhaltig gesichert werden?“

Im Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit rückt das Büro für Ehrenamt gemeinsam mit unterschiedlichen Partnern das Thema in den Vordergrund. Mit Aktionen wie z.B. einem Fotowettbewerb oder einer Präsentation von Ehrenamtlichen in den lokalen Medien (Ehramtliche über die man spricht) werden die in Vereinen oder in der Nachbarschaftshilfe Tätigen vor den Vorhang gestellt. Ein weiteres Thema ist die Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung.

Ehrenamt hat viele Gesichter
Quelle: Stadt Feldkirch

Perspektiven

Eine wesentliche Herausforderung für Feldkirch liegt in der Beantwortung der Frage: Wie kann es Feldkirch schaffen, Ehrenamt und Bürgerengagement nachhaltig zu sichern? Feldkirch positioniert sich als Stadt der Bildung. Die Bildung Erwachsener stellt dabei ein bedeutendes Positionierungsmerkmal dar. Nicht weniger als 150 Organisationen in Feldkirch bearbeiten Themen der Bildung Erwachsener, die Hälfte dieser Organisationen wird über ehrenamtliche Arbeit definiert. Es ist -deshalb naheliegend, bei der Suche nach Perspektiven für Ehrenamt und Bürgerengagement das Wesen der Bildungsstadt Feldkirch in diese Suche zu integrieren. Eine Suche nach den Verknüpfungen zwischen der Bildungsstadt Feldkirch und dem aktiven Engagement in Form von Ehrenamt und Partizipation (Bürgerbeteiligung) kann zum Beispiel die Suche nach jenen Ermöglichungsräumen (gemeint sind hier soziale Räume aber auch reale Lernorte) sein, an denen Lernen verknüpft mit Engagement stattfindet. Solche Ermöglichungsräume können mit Unterstützung der Stadt erfasst, erschlossen, transparent gemacht und ihre Zugänglichkeit erleichtert werden. Die Herausforderung wird sein, kreative Zugänge zu schaffen, um Menschen zum Engagement zu führen. Daran will die Stadt Feldkirch arbeiten.

Kritische Reflexion

Die Frage nach der Effizienz (tun wir die Dinge richtig) und Effektivität (tun wir die richtigen Dinge) begleitet den Entwicklungsprozess. Ist es primäre Aufgabe einer Stadt, sich diesem Thema zu widmen? Soll sich die Stadt nicht auf ihre primären, per Gesetz übertragenen Aufgaben konzentrieren? Wie wird die Wirkungsorientierung in diesem Geschäftsfeld gemessen? Sind die investierten Gelder gut investiert? Diese und viele weitere Fragen begleiten die Akteure in diesem Feld permanent, abschließende Antworten wurden bisher noch keine gefunden. Die positiven Rückmeldungen der Beteiligten (Vereine, Initiativen) lässt aber die Interpretation zu, dass Feldkirch hier einen guten Weg eingeschlagen hat.

Anmerkungen

  1. Vgl. dazu: Friesl; Pollak; Hamachers-Zuba: Österreicherinnen, 2009, S. 233.
  2. ebenda, S. 46.

Literatur  zu diesem Thema

  • Friesl, Christian; Polak, Regina; Hamachers-Zuba, Ursula (Hrsg): Die Österreicherinnen. Wien: Czernin 2009.

AutorInnen

Martin Duelli MEd ist Leiter der Stabstelle Strategisches Management im Amt der Stadt Feldkirch und begleitender Unternehmensberater für Kommunen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Strategieentwicklung, Organisations- und Personalentwicklung, die Begleitung von Bürgerbeteiligungsprozessen sowie die Koordination von Projekten der interkommunalen Zusammenarbeit.

erschienen in: 
Forum Public Management 2011, 4, S. 10-12
Jahr: 
2011