Nachhaltigkeit und Lebensqualität – Eindrücke vom LA21-Gipfel 2010

Wie kann soziale Kohäsion in einer bunteren aber durchschnittlich älteren Gemeinde gesichert werden und wie kann es gelingen, das Sozialkapital der BürgerInnen – etwa im Bereich der Freiwilligenarbeit und des Ehrenamtes – nutzbar zu machen? Solche und ähnliche Fragen bewegen in letzter Zeit die Verantwortlichen in Österreichs Gemeinden angesichts der schon viel zitierten Herausforderungen des demografischen Wandels und der Bewältigung der sich durch die Wirtschafts- und Finanzkrise verschärfenden sozialen Ungleichheit. Doch was ist das Sozialkapital und wie kann man es in einer Gemeinde konkret nutzbar machen?

Es traf sich gut, dass der diesjährige und inzwischen 6. Österreichische LA21-Gipfel in Dornbirn unter der Leitfrage stand „Was hält die Gesellschaft zusammen?“. Dabei ist der LA21-Gipfel nicht irgendeine Fachtagung; er ist vielmehr ein Zusammentreffen jener Gemeinden und AkteurInnen, die am weltweiten Lokale Agenda (LA)21-Programm teilnehmen und in diesem Kontext bestrebt sind, mehr Lebensqualität und Nachhaltigkeit in ihren Gemeinden anzustreben. Mehr als 200 TeilnehmerInnen aus 10 Ländern fanden den Weg nach Vorarlberg.

Die Tagung bot Fachvorträge, Workshops, einen Projektmarktplatz und auch Exkursionen in einige besonders engagierte Gemeinden in Vorarlberg. Unter der Internetadresse: http://www.vorarlberg.at/zukunft/ finden sich weiterführende Informationen zur Veranstaltung. Dort können auch die Vorträge und Videomitschnitte eingesehen werden. Einige der von mir auf der Tagung gesammelten Eindrücke, möchte ich im Folgenden kurz vorstellen.

Bürgerschaftliches Engagement oder die BürgerInnen als Lückenbüßer nach dem Kahlschlag bei sozialen Leistungen?

Immer wieder wird in Diskussionen kritisiert, dass das Thema Ehrenamt nur dazu diene, den BürgerInnen Aufgaben und Arbeit aufzubürden, die eigentlich vom Sozialstaat zu erbringen sind und die als Folge von Sparprogrammen aufgegeben werden. Die BürgerInnen wären somit die Lückenbüßer für einen Sozialstaatsabbau. Dass dies nicht gänzlich von der Hand zu weisen ist, möchte ich hier nicht in Abrede stellen. Dennoch, dass bürgerschaftliches Engagement keinesfalls nur eine Einbahnstraße ist, haben die vielen auf dem LA21-Gipfel präsentierten Beispiele und Diskussionen sehr eindringlich zeigen können.1

Sichtbar wurde nämlich, dass auch die Ehrenamtlichen selbst von ihrem Tun profitieren: Da betreuen Menschen ein Blumenbeet in einem Seniorenzentrum und erfahren Anerkennung und Wertschätzung. Da übernehmen BürgerInnen die Patenschaft für einen Fitnessparcour und eröffnen für sich und die ganze Gemeinde neue Sportmöglichkeiten. Da bügeln Frauen unentgeltlich Wäsche in einem Mehrgenerationenhaus und finden Sinn und eine Aufgabe. Da organisieren PensionistInnen einen Fahrdienst oder Ausflüge und erfreuen sich einfach am Gruppenerlebnis und der menschlichen Wärme. Im bürgerschaftlichen Engagement steckt somit viel mehr als der vermeintliche Frondienst! Das Miteinander macht glücklich und wer glücklich ist, ist gesünder (und er lebt länger!). Und angesichts einer wachsenden Zahl an gesunden und aktiven PensionistInnen stellt sich für eine Gemeinde auch die Herausforderung, diesem Potenzial an Wissen, Erfahrung und Mitwirkungsbereitschaft2 eine Betätigungsmöglichkeit zu bieten.

Nach den Erkenntnissen der Glücksforschung3 kommt es im Wesentlichen auf gelingende Beziehungen zu anderen Menschen (Familie, Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen), Erfahrung der Zugehörigkeit und danach auf das Gefühl, etwas Nützliches zu tun/tun zu können (eigene Kompetenz zeigen können) sowie auf Gesundheit und Freiheit an. Und wissenschaftlich bestätigt ist, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen subjektivem Glücksgefühl und faktischer Gesundheit gibt.4

Was jedoch auf der Tagung deutlich wurde – nicht zuletzt weil sehr viele junge Menschen sich aktiv auf der Tagung äußerten – ist, das der Begriff „Ehrenamt“ eher abschreckt denn zum aktiven Tun animiert. Hier ist Kreativität gefragt, dem bürgerschaftlichen Tun einen zeitgemäßen und zum Mitmachen animierenden Namen zu geben.

Bürgerschaftliches Engagement eine Frage der Gemeindegröße?

Immer wieder sind Stimmen zu hören, dass das Thema Ehrenamt/bürgerschaftliches Engagement nur etwas für kleine Gemeinden und überschaubare örtliche Strukturen ist. Der Besuch des LA21-Gipfels bot hier die Möglichkeit zum Umdenken!

So wurden im Rahmen des so genannten „Marktplatzes“ insgesamt 18 Beispiele gelebten bürgerschaftlichen Engagements aus Österreich, der Schweiz, Südtirol und Deutschland präsentiert. Vertreten waren beispielsweise Projekte aus größeren Städten (z.B. einzelne Wiener Stadtbezirken oder die Stadt Ravensburg), aber auch kleinen Landgemeinden (z.B. Neupölla, Ardagger, Wald) sowie einzelne Initiativen der Zivilgesellschaft (z.B. Morgenland/Lichtenstein).5 Andererseits konnten in Rahmen von Exkursionen zu Einrichtungen/Projekten in Dornbirn, Götzis, Krumbach, Langenegg, Lustenau, Mäder und Zwischenwasser konkrete Beispiele gelebten Miteinanders hautnah erlebt und begangen werden.

Nicht zuletzt diese auf dem Marktplatz präsentierten Beispiele konnten zeigen, dass das Thema bürgerschaftliches Engagement nicht allein ein Thema für kleine Gemeinden ist, auch wenn es dort vielleicht leichter zu organisieren ist. Die Beispiele konnten einmal mehr belegen, dass sich etwas bewegen lässt, wenn der politische Wille vorhanden ist.6

Sozialkapital Check

Auch wenn es den Begriff des Sozialkapitals schon länger gibt7, entzieht er sich nach wie vor einer einfachen und griffigen Definition. Wenn vom „Sozialkapital“ einer Gemeinde gesprochen wird, dann spricht man meist vom sozialen Zusammenhalt zwischen den BewohnerInnen, den bestehenden und neu zu schaffenden sozialen Netzwerken zwischen diesen Menschen, von der Fähigkeit einer örtlichen Gesellschaft zur Selbstorganisation oder auch ganz praktisch vom Engagement der BewohnerInnen für die eigene Gemeinde und die Menschen, die dort leben (meist wird in diesem Zusammenhang von Ehrenamt gesproche).

Im Rahmen des LA21-Gipfels wurde in diesem Zusammenhang ein konkretes Werkzeug zur Einschätzung des Sozialkapitals präsentiert und praktisch angewendet. Es handelt sich hierbei um den so genannten „Sozialkapital-Check“. In einer mehrdimensionalen Matrix werden Sozialkapitalausprägungen erfasst: erstens auf der Ebene des einzelnen Menschen, zweitens auf der Ebene der Gruppe (z.B. Vereine, Initiativen, Nachbarn oder Bekannte) und drittens auf der Ebene der Gemeinschaft, wo die Zugehörigkeit zu einem großen Ganzen wie Gemeinde, politische Anschauung oder Religion eine bedeutende Rolle spielt.

Auf allen 3 Ebenen kann sich Sozialkapital in 3 verschiedenen Qualitäten bilden. Die erste dieser 3 Qualitäten sind Bindungen zwischen Menschen, ganz konkrete Beziehungen und Kontakte. Aus diesen Bindungen entstehen gemeinsame Werte, die sich die Menschen einer Gemeinschaft als Regeln erarbeiten. Auf Basis dieser Werte wiederum entsteht Vertrauen, das einen wesentlichen Einfluss auf die Lebensqualität hat.

Verknüpft man die 3 Ebenen mit den 3 Qualitäten des Sozialkapitals, entsteht eine Matrix mit 9 Wirkungsfeldern. Diese 9 Wirkungsfelder sind die methodische Grundlage des Sozialkapital-Checks.

Sozialkapital-Check
Quelle: Büro für Zukunftsfragen (2010)

Ohne institutionelle Absicherung kein nachhaltiger Erfolg

Die genannten Beispiele – und die Diskussionen in den Workshops – haben deutlich vor Augen geführt, dass die Sicherung und Nutzung des Sozialkapitals in einer Gemeinde immer auch einer konkreten Verantwortung und einer ausreichenden Koordinierung und Unterstützung bedarf.

Diese muss nicht zwingend in und von der Gemeindeverwaltung selbst, sondern sie kann auch von Mittelspersonen bzw. intermediären Instanzen wahrgenommen werden. Beispielsweise werden Menschen mit Migrationshintergrund einer gut vernetzten Person aus ihrer Mitte mehr vertrauen als der öffentlichen Verwaltung. Aber sie muss wahrgenommen werden. Es muss den SozialkapitalnetzwerkerInnen bekannt sein. Es müssen für die verschiedenen Bürgergruppen differenzierte Plattformen für das Mittun geschaffen werden.

Damit hat sich bestätigt, was ich in einem früheren Beitrag bereits konstatiert hatte, wonach für eine dauerhafte Absicherung politischer Programme und kommunalpolitischer Schwerpunktsetzung eine entsprechende institutionelle Absicherung unabdingbar ist. Wer also den Schatz des Sozialkapitals in der eigenen Gemeinde heben will, muss in Vorleistung gehen, zumindest was die Schaffung von handlungsfähigen Strukturen anbelangt. Partizipation leben und anwenden!

Governance steht u.a. für Partizipation. Diese wird vielfach verstanden als Eröffnung von Mitwirkungsmöglichkeiten an der Vorbereitung von politischen Entscheidungen etwa im Rahmen von Strategieprozessen. Die Diskussion um Sozialkapital in einer Gemeinde zeigt, dass Partizipation aber auch in einem erweiterten Kontext stehen kann, nämlich in der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, aber auch an der aktiven Mitgestaltung von Lebensqualität in einer Stadt/Gemeinde.

Überwindung verschiedener Herausforderungen

Zunächst gilt es verfestigte Denkhaltung zu überwinden, die eine Konsequenz eines weit verbreiteten paternalistischen Staatsverständnisses und einem darauf bezogenen weit ausgebauten Sozial- und Fürsorgestaates sind. Was in den angelsächsichen Ländern bereits weit verbreitet ist, dass nämlich die BürgerInnen ein höheres Maß an Eigeninitiative und Selbsthilfe entwickeln, könnte angesichts knapper Finanzen, demografischen Veränderungen und neuer Kommunikationsformen im Zeitalter von Web 2.0 auch hierzulande eine anzustrebende Entwicklung sein. Dem Modell des Gewährleistungsstaates folgend, müssen nicht immer alle Leistungen öffentlich erbracht werden. Wohl aber braucht es die klare staatliche Verantwortung und die Schaffung der hierfür notwendigen Rahmenbedingungen (Staat als Ermöglicher gesellschaftlicher Entwicklungen).

Ohne eine aktive Vorleistung einer Stadt/Gemeinde wird der Sozialkapitalschatz nicht zu heben sein. Es braucht die organisatorische Absicherung, in welcher Form auch immer. Es braucht die öffentliche Anerkennung für das bürgerschaftliche Engagement und die Offenheit für eine der gesellschaftlichen Vielfalt angemessenen Vielfalt an Beteiligungs- und Mitwirkungsmöglichkeiten.

Dazu gehört auch die Schaffung von neuen, zeitlich befristeten Beteiligungsangeboten außerhalb traditioneller Vereinsarbeit. Beispielsweise eröffnen Tauschringe die Möglichkeit über den praktischen Austausch von Fähigkeiten und Bedürfnissen einzelner Menschen (z.B. Suche jemanden, der Rasen mäht, biete Hausaufgabenbetreuung) gerade die Menschen abzuholen, die meinen, der Gesellschaft nichts bieten zu können und ihr Selbstwertgefühl aufzubauen. Aber auch Vereinswesen kann einen wichtigen Beitrag leisten, neues Sozialkapital zu heben, wenn etwa die öffentliche Förderung an Integrationszielen ausgerichtet und gemessen wird. Hier eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten, die gerade in Zeiten knapper Finanzen ausgelotet werden müssen.

Anmerkungen:

  1. Vgl. dazu die Publikation „11 Ehrenamtsg’schichten“, ein vom Büro für Zukunftsfragen herausgegebenes und kostenlos dort zu beziehendes Buch, das die Erfahrungen von 11 ehrenamtlich Engagierten erzählt. Die GesprächspartnerInnen vermitteln ein sehr positives Bild über ihr Engagement: Freude, Freunde, Anerkennung, Sinn und Zufriedenheit sind die Geschenke, die man bekommt, wenn man gibt.
  2. Vgl. dazu den Beitrag von Elke Löffler in dieser Ausgabe.
  3. Vgl. dazu den Vortrag von Kickbusch auf dem LA21 Gipfel.
  4. Das hat nicht zuletzt dazu geführt hat, dass in Großbritannien „Glück“ als eines der Ziele der britischen Regierung festgeschrieben wurde. Auch der französische Präsident Sarkozy hat Anfang 2008 eine Kommission unter Leitung der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen eingesetzt, um der Frage nachzugehen, wie man das Wohlergehen einer Gesellschaft messen kann. Im Abschlussbericht dieser Kommission, der Mitte September 2009 vorgestellt wurde, wird vorgeschlagen, sich nicht mehr am (Wachstum des) Bruttoinlandsprodukt(s) oder kurz BIP (Englisch GDP), sondern zum einen an der Verteilung von verfügbaren Einkommen, Konsum und Vermögen auf der Haushaltsebene und zum anderen an der objektiven Lebensqualität (Gesundheitsstatus, Bildungsniveau, Umweltzustand etc.) und dem subjektiven Wohlbefinden der gegenwärtigen Generation sowie an der Nachhaltigkeit für zukünftige Generationen zu orientieren.
  5. Vgl. dazu: http://www.vorarlberg.at/pdf/gutebeispielebeimmarktpla.pdf
  6. Verteilt wurde u.a. das vom Land Vorarlberg im April 2010 herausgegebene Handbuch Bürgerbeteiligung. Diese Broschüre kann im Sinne eines generellen Leitfadens Hilfestellung bei der Planung und Durchführung von Projekten geben, in die BürgerInnen aktiv eingebunden werden sollen. Neben grundlegenden Informationen zur möglichst optimalen Vorbereitung von Beteiligungsprozessen werden aber auch unterschiedliche Beteiligungsmethoden zur Anwendung empfohlen.
  7. In den 1990er Jahren wurde der Begriff Sozialkapital insbesondere von den amerikanischen Soziologen James S. Coleman und Robert D. Putnam (wieder neu) in die Diskussion gebracht.
erschienen in: 
Forum Public Management 2010, 4, S. 10-12
Jahr: 
2010