Menschen begegnen statt Einsamkeit: Das Freiwilligen-Netzwerk in Salzburg – ein Modell gegen die Vereinsamung von SeniorInnen

Allem Kulturpessimismus zum Trotz: In unserer Gesellschaft besteht hohe Bereitschaft für freiwilliges Engagement. Die „Freiwilligen Netzwerke“ in Salzburg geben dafür in der SeniorInnen-Betreuung einen professionellen Rahmen.

„Verlässliche Gemeinschaft (er)leben“ ist das Motto des Projekts Freiwilligen-Netzwerk, das die Stadt Salzburg gemeinsam mit der Diakonie im letzten Jahr ins Leben gerufen hat und das nun bereits in die Ausbauphase geht. Ziel des Projekts ist, „gefährdete“ SeniorInnen vor Vereinsamung und Altersdiskriminierung zu bewahren und dafür professionell und gut gecoachte Freiwillige einzusetzen. Das Projekt ist überparteilich, konfessions- und vereinsunabhängig sowie kostenlos. Es versteht sich als Ergänzung zu bereits bestehenden (professionellen) Angeboten der SeniorInnen-Betreuung. Die vier Stadtteile, die für die Entwicklung von Freiwilligen-Netzwerken in der ersten Etappe der Jahre 2010 und 2011 ausgewählt wurden, sind geprägt von einer starken Überalterung in einigen Siedlungsgebieten.

Nachbarschaftshilfe

Durch die Freiwilligen-Netzwerke erhalten interessierte und von Vereinsamung betroffene oder bedrohte SeniorInnen die Möglichkeit, zuverlässige und vertrauensvolle Menschen kennenzulernen und neue Bekanntschaften einzugehen. Das geschieht durch regelmäßige verlässliche Besuchskontakte, Begegnung mit Menschen, die zuhören und verstehen, durch vertrauensvolle, aber auch heitere Gespräche. Durch diese Hilfe, bleiben oder werden die SeniorInnen aktiv – etwa durch Spaziergänge, Spiele, Gartenarbeit, Basteln etc. Schließlich bedarf es auch Hilfestellung bei alltäglichen Dingen wie Telefonate, Post- oder Amtswegen. Die Freiwilligen können bei Bedarf auch Wohn- und Wohnungsverbesserungen für mehr Sicherheit im Alltag (Haltegriffe, Beleuchtung, Sturzprophylaxe…) ansprechen. Ausdrücklich nicht zuständig sind die Freiwilligen für jegliche pflegerische Tätigkeiten, Haushaltsführung oder Konfliktmediation.

Mit dem neuen Wilhelm-Kaufmann-Steg in Salzburg Süd wachsen auch die Freiwilligen-Netzwerke und Kooperationspartner enger zusammen
Hintere Reihe v.l.: Koordinatorin Sylvia Neureiter mit den Freiwilligen Waltraud Schwaiger, Elisabeth Schneglberger, Ernst Kittl, Gloria Hennerbichler und der Leiterin der Stabsstelle Freiwilligen- Netzwerke im Diakonie-Zentrum, Michaela Koller. Vordere Reihe v.l.: Mathilde Maritsch, Ernestine Hummelbrunner, Anneliese Klein und Michaela Wallmann vom Gesundheits- und Sozialzentrum Süd.
Quelle: Diakonie-Zentrum Salzburg

Die Zielgruppen

  • Von Vereinsamung betroffene oder bedrohte BewohnerInnen, mit einer Konzentration auf SeniorInnen „75plus“.
  • Für die freiwilligen MitarbeiterInnen definierte das Projektteam vorab: „Anhand von Erfahrungen aus dem Diakonie-Zentrum sind das vorzugsweise kommunikationsfreudige Menschen der Generation der „jungen Alten“, die das Bedürfnis haben, einen Teil ihrer freien Lebenszeit nach ihrer Pensionierung für andere Menschen – mit einem sinnstiftenden Nutzen für sich und andere – zur Verfügung zu stellen.“ Im Idealfall verfügen sie bereits über Erfahrungen mit der Begleitung oder Betreuung von Menschen.
„Durch die Freiwilligen-Netzwerke können SeniorInnen zuverlässige Menschen kennenlernen und neue Bekanntschaften eingehen. Vereinsamung hat so wenig Chance.“

Die Strukturen im Netzwerk

Das Freiwilligen-Netzwerk kooperiert mit Einrichtungen wie Stadtteil-Vereinen, Sozialkreisen und Diakonie.mobil, dem Gesundheits- und Sozialzentrum Süd sowie den BewohnerService-Stellen der Stadt Salzburg. Die Arbeit der Freiwilligen wird von einer Koordinatorin organisiert und begleitet, sie ist auch Schnittstelle zu „befreundeten“ Organisationen. Die Freiwilligen werden von der Koordinatorin etwa vier Mal im Jahr zu Jour fixes geladen, die dem Erfahrungsaustausch dienen. Die Freiwilligen unterzeichnen für ihre Tätigkeit eine Vereinbarung und dokumentieren ihre Besuche. Sie erhalten einen Ausweis und sind zudem versichert.

Schulung im Netzwerk

Die Freiwilligen, die sich im Netzwerk von Stadt Salzburg und Diakoniewerk engagieren, werden in ihrer Arbeit nicht nur professionell gecoacht, sondern in Schulungen auch auf ihre Aufgaben vorbereitet. Die Schulung umfasst sechs Abende zu je drei Stunden, die Teilnahme an dem Fortbildungsprogramm ist selbstverständlich kostenlos – aber für die Netzwerks-MitarbeiterInnen obligatorisch. Das Schulungsprogramm wird einmal jährlich abgehalten, versäumte Module können im Folgejahr nachgeholt werden. Das Freiwilligen-Netzwerk stellt für alle erfolgreichen FortbildungsteilnehmerInnen Zertifikate aus. Die Themen des Schulungsprogramms sind:

  • Alter(n) aus entwicklungspsychologischer Sicht
  • Begegnungen und Gespräche gestalten
  • Konfliktbearbeitung
  • Meine eigenen Grenzen wahren
  • Rund um die Gesundheit, Verletzungsprophylaxe
  • Abschied, Tod, Trauer

Kontakte im Netzwerk

Das Projekt startete im Februar 2010 im Süden der Stadt Salzburg. Es bestehen dort 16 Kontakte zwischen SeniorInnen und Freiwilligen. Acht weitere SeniorInnen finden sich derzeit (Stand November 2011) auf der Warteliste. Nach dem positiven Start wurde das Projekt heuer im Februar auf den Norden der Stadt Salzburg ausgedehnt. Dort konnten bisher acht Kontakte zwischen SeniorInnen und Freiwilligen fixiert werden, drei weitere stehen auf der Warteliste. Die KoordinatorInnen rechnen im Norden in den nächsten Monaten noch mit erheblichem Wachstum: Nach der begleitenden Öffentlichkeitsarbeit für das Projekt haben sich zahlreiche InteressentInnen (sowohl Freiwillige als auch SeniorInnen) gemeldet, die sich jedoch noch nicht endgültig für eine Mitwirkung in dem Projekt entscheiden konnten. Diese Kontakte werden derzeit betreut und nachbearbeitet.

AutorInnen

erschienen in: 
Forum Public Management 2011, 4, S. 16-18
Jahr: 
2011