GeoGovernment: verortetes Wissen

Geographische Informationssysteme stehen für Wissensmanagement mit örtlichem Bezug. Welches Wissen kann mit Geoinformationssystemen verwaltet werden und welche Potenziale entstehen durch den Einsatz von GIS für Gemeinden?

Das Anwednungsspektrum von Geoinformationsanwendungen in Gemeinden ist extrem breit und umfasst zahlreiche Fachgebiete. Bei deren Einsatz soll ein bestmöglicher Nutzen der wertvollen Geodaten erfolgen. Gemeinden trachten laufend nach einer starken Bürgernähe und einer kundenorientierten Verwaltung. Solche Ziele können durch GIS, welche mit den kommunalen Fachanwendungen verknüpft sind, effizient erfüllt werden. Durch wirkungsvollen Wissenstransfer und -aufbau werden mehr Transparenz und eine verbesserte Akzeptanz für Entscheidungen in der Gemeinde erreicht. Anliegen von BürgerInnen, Wirtschaft und anderen Verwaltungseinheiten können somit schnell und repräsentativ beantwortet werden. Aktuelle Planungsgrundlagen und graphische Darstellungen örtlicher Sachverhalte, die unter Einbeziehung von Datenbeständen unterschiedlicher Quellen zur Verfügung stehen, helfen EntscheidungsträgerInnen beim Fällen der richtigen Entscheidung.

Welche Potenziale der Einsatz von GIS für Gemeinden, auch unter Berücksichtigung der interkommunalen Kooperation bietet, habe ich in meiner Diplomarbeit im Zuge des berufsbegleitenden Studiums an der Donau Universität Krems, anhand einer Gemeindeumfrage, erörtert.

Die grundlegenden Einsatzmöglichkeiten sind:

  • Auskünfte zum Grundstückskataster und deren Eigentumsverhältnisse,
  • Vorplanungen zur Erstellung eines Flächenwidmungs- und Bebauungsplanes,
  • Dokumentation und Analyse der Wasser- und Abwassernetze,
  • Geographischer Bezug von Objektadressen,
  • Dokumentation von Umweltinformationen (Grünflächenkataster, Grundwasserkataster etc.),
  • Dokumentation von Gemeindestraßen,
  • Dokumentation von Naturstandsdaten (Gebäudevorderkanten, Straßenbeleuchtung etc.).

Folgende typische Fragen werden mittels GIS beantwortet:

  • Wer ist EigentümerIn eines bestimmten Grundstücks?
  • Wo befindet sich welches Grundstück?
  • Kann auf diesem Grundstück gebaut werden?
  • Wer sind die Nachbarn eines Grundstücks?
  • Kann an einer bestimmten Stelle gegraben werden?
  • Wo befinden sich die Hausanschlussleitungen?
  • In welchem Zustand befinden sich unterirdische Einbauten?

Das Anwendungspotenzial ist damit aber noch lange nicht ausgeschöpft. Die Vielfalt der GIS-Anwendungen nimmt stetig zu. Unter dem Oberbegriff GIS entwickelte sich in den letzten Jahren eine Vielzahl an Fachinformationssystemen.

Wer weiß …?

Zur Erfüllung der Gemeindeaufgaben kommen meist bereichsbezogene Zuständigkeiten zum Einsatz. Sei es das Wasser- oder Kanalnetz, über deren Zustand und Lage eine WassermeisterIn Bescheid weiß, oder die BauamtsleiterIn, welche/r die Kenntnis über die Bautätigkeiten im Gemeindegebiet hat. All dieses Wissen kann sehr schnell verloren gehen. Besonders in kleinen Gemeinden sind MitarbeiterInnen die „WissensträgerInnen“ geographischer Informationen. Aufgrund des Verlustes einer MitarbeiterIn kann ein hohes Risiko für die Verwaltung entstehen. Viel Wissen kann verloren gehen, wenn MitarbeiterInnen eine Gemeinde verlassen. Der Einsatz von GIS speichert „verortetes Wissen“ auch über Generationen.

Wissen wo…?

Wenn es bei Bauarbeiten in der Gemeinde zu unerwarteten Zwischenfällen kommt, sollte es schnell gehen. Um Überflutungen durch ein abgetrenntes Wasserleitungsrohr zu verhindern, wäre es wichtig zu wissen, wo der nächste Absperrschieber ist, um weitere Katastrophen zu verhindern. Früher gab es viele Pläne, Skizzen und große Aktenschränke als „Speicherort“ geographischer Informationen. Unvollständige oder fehlende Dokumentationen der unterirdischen Infrastruktur haben die Alltagsarbeit erheblich erschwert. Die Einführung einer GIS-gestützten elektronischen Datenverwaltung stellt eine wesentliche Vereinfachung der Kartenhaltung und -verarbeitung, einen raschen sicheren Zugriff auf Informationen, eine erhebliche Kostenersparnis und auch die Vermeidung von Katastrophen dar.

Wissen was…?

Gemeinden investieren viel Geld für den Aufbau, Ausbau und die Erhaltung einer hohen Lebensqualität für ihre BürgerInnen. Die infrastrukturelle Beschaffenheit bildet einen Großteil des Vermögens einer Gemeinde. Doch wie wird dieses Vermögen behandelt? Unter manchen Straßen liegen sprichwörtlich Schätze begraben, unter manchen jedoch leider nicht. Dem Zustand von unterirdischen Leitungen wird oft wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Aufgrund der fortlaufenden Schädigung der unterirdischen Einbauten wird es immer wichtiger, diese auf ihren baulichen Zustand zu prüfen. Ein mit anderen infrastrukturellen Einbauten abgestimmtes Sanierungskonzept optimiert die erforderlichen Reparaturen. Durch regelmäßige Kontrolle und Wartung von Versorgungsleitungen, von öffentlichen Gebäuden, von Bäumen etc. kann der Wert dieser Infrastruktur erhalten werden. Die Erstellung eines langjährigen Maßnahmenkatalogs für die erforderlichen Erhaltungs- und Instandsetzungsarbeiten ist Grundlage einer vorausschauenden und finanzierbaren Budgetpolitik für jede Gemeinde.

Geo-Wissensmanagement

Geographische Informationssysteme bilden einen wesentlichen Teil von effektivem Wissensmanagement. In GIS können raumbezogene Daten erfasst, gespeichert, modelliert, analysiert und präsentiert werden. Diese Daten haben nur dann Bedeutung, wenn sie im richtigen Kontext gesehen werden, wodurch die Daten zu Informationen werden. Information alleine stellt aber noch kein Wissen dar. Erst durch eine intelligente Organisation der strukturierten Daten entsteht Wissen. Die Erstellung und Wartung von Geodaten bringen enorme Kosten mit sich; umso wichtiger ist es, mit den Daten und dem daraus generierten Wissen sorgfältig umzugehen. Um nicht eines Tages die Informationen mit geographischem Bezug zu verlieren, wird es immer wichtiger das Wissen aufzubereiten und zu speichern. Generell kann gesagt werden, dass geographische Informationssysteme der Gemeinde zu Wissensmanagement mit örtlichem Bezug verhelfen.

Abb. 1: Kostenreduzierung durch interkommunale Kooperation
Quelle: Haubenberger (2009)

Potenziale durch interkommunale Kooperationen

GIS und die darin enthaltenen Geodaten sind in ihrer Anschaffung mit hohen Kosten und organisatorischen Personalaufwand verbunden und fordern auch ein gewisses Know how in deren Verwendung und Entwicklung. Geographische Informationssysteme bieten mehr Einsatzmöglichkeiten als sie derzeit oft in den Gemeinden finden. Durch Kooperationen können Synergien erkannt und gemeindeübergreifend genutzt werden. Die Online-Umfrage des Gemeindeverbandes Melk, bei der zwei Bezirke aus Niederösterreich befragt wurden, ergab, dass 67% der Gemeinden der Meinung sind, dass durch interkommunale Kooperationen bei geographischen Informationssystemen eine Kostenreduzierung zu erzielen ist. Für einen Entschluss einer Gemeinde sich einer Kooperation anzuschließen, ist oftmals das positive Beispiel anderer notwendig. Die Erfahrung zeigt, dass wenn etwas funktioniert, andere Gemeinden zur Nachahmung eingeladen werden. 27 Gemeinden aus dem Bezirk Melk und Scheibbs sind bereits am interkommunalen GIS des Gemeindeverbandes Melk beteiligt. Bei der Umfrage gaben alle am Projekt beteiligten Gemeinden bekannt, dass sie allen empfehlen, sich an diesem Kosten sparenden Projekt zu beteiligen und sprachen damit ihre Empfehlung für das interkommunale GIS des GVU Melk aus. Laut Abbildung 1 sind 67% der Gemeinden der Meinung, dass durch interkommunale GIS eine Kostenreduzierung erzielt wird.

Vom GIS 1.0 zum GIS 2.0

Die Möglichkeiten des Webs 2.0 dringen mittlerweile auch immer mehr in den GIS-Bereich ein. Der Begriff Web 2.0 ist ein Schlagwort, das für eine Reihe interaktiver und kollaborativer Elemente des Internets verwendet wird. Die Bedeutung von Web 2.0 bezieht sich primär auf eine veränderte Nutzung und Wahrnehmung des Internets. Die Inhalte werden im entscheidenden Maße von den BenutzerInnen selbst erstellt und bearbeitet. Dies wird bereits anhand von Wikis, Blogs, Foto- und Videoportalen unterstützt. Eine Vielzahl von NutzerInnen kann sich mit Hilfe sozialer Software, vernetzen und zur Informationsgewinnung für Gemeinden aktiv beitragen. Die Schlüsselprinzipien der Zukunft lauten Semantik-GIS, Open Source und Linked Data, welche den Begriff des GIS 2.0 charakterisieren.

Semantik-GIS

Ein Semantik-GIS versucht intelligente Kataloge zum Zwecke einer übergreifenden Informationsstruktur bereitzustellen. Eine integrierte Nutzung der mittlerweile in großer Anzahl vorhandenen Geodaten erfordert eine Art intellektuelles Zusammenführen von Daten verschiedenster Herkunft.1 „LinkedGeoData ist ein Versuch, eine räumliche Dimension, des „Web of Data“ dem Semantic Web hinzuzufügen. Es vernetzt Daten mit anderen Wissensdatenbanken durch die Linking Open Data Initiative.“2 Das Projekt GeoNames verbindet 8 Millionen geographische Namen zu einer Geodatenbank. Die darin enthaltenen Objekte sind durch das RDFSchema mit Dbpedia3 verlinkt und können so Informationen aus mehreren Quellen einbeziehen. Abbildung 2 zeigt eine Linking Open Data Cloud, welche durch die Linking Open Data Initiative veröffentlicht wurde. „Die rasch anwachsende Linking Open Data Cloud (LOD Cloud)4 veranschaulicht, welche zentrale Rolle das „Web of Data“ als globale Datenbank zukünftig spielen wird: Neben Wikipedia stehen Geodatenbanken, World Fact Book, Informationen von BBC uvm. ebenso wie bereits erste Datenbanken des öffentlichen Sektors (Eurostat, US Census Data) als kostengünstig zu integrierende Datenquellen zur Verfügung.“5

Open Source-GIS

Die Bezeichnung Open Source bezieht sich auf ein Entwicklungsmodell, bei dem der Quelltext „Source Code“ einer Software frei verfügbar ist. Die Definition von Open Source beinhaltet ein Lizenzierungsmodell, welches auch als „Freie Software“ bekannt ist. Mittlerweile gibt es auch im GISBereich gute Entwicklungen zu Open Source-Lösungen. Das Potenzial in diesen Lösungen steckt darin, dass die Software zum Betrieb eines Open Source-GIS kostenlos ist. Diese Anwendungen erfordern jedoch gewisses Know how zum Anpassen und Weiterentwickeln der Software. Es entstehen jedoch immer mehr Open Source-Projekte in den öffentlichen Verwaltungen aufgrund der kostenlosen Verfügbarkeit. Die OSGeo betreibt eine Bildungsplattform auf ihrem Portal, wo Lehrgänge in verschiedenen Sprachen zu unterschiedlichen Themen, wie WebGIS, Desktop-GIS und viele mehr, zur Verfügung stellt. Außerdem kann die Software von EntwicklerInnen und AnwenderInnen als Drehscheibe zur Wissensvermittlung genutzt und weiterentwickelt werden. Die OSGeo ist eine offene Organisation, in die jeder seine eigenen Ideen, Erfahrungen und Entwicklungen einbringen kann.6 Somit soll der Ansatz von freier Software gefördert werden. GeoPISTA ist ein Open Source-GIS-Projekt aus Spanien, das bereits erfolgreich in der kommunalen Praxis Einsatz findet. Das Ziel von GeoPISTA ist es, aus geographischen Daten von verschiedenen Anbietern, ein kostengünstiges gemeinsames Daten-Modell für kleine und mittlere Kommunen zu erstellen.7

Abb. 2: linking data
Quelle: http://esw.w3.org/topic/SweoIG/TaskForces/CommunityProjects/LinkingOpenD... [Download: 10.09.2009]

E-Government und Geo-Government in Kooperation

Modernes EGovernment setzt ein gut strukturiertes Konzept von Verwaltungsverfahren voraus. Je mehr Informationen mit geographischem Bezug in den Gemeinden entstehen, umso wichtiger wird, diese mit den kommunalen Fachanwendungen zu verknüpfen und so einen Mehrwert zu generieren. Ein Pilotprojekt aus Deutschland versucht diesen Ansatz bereits umzusetzen. „INGEOS8 ermöglicht eine wissensbasierte Verknüpfung von GIS mit Verwaltungsstrukturen und -prozessen => semantikbasiertes „GeoGovernment“. Mit dem Begriff „GeoGovernment“9 wird eine Erweiterung von EGovernment durch den Raumbezug verstanden. Das Prinzip des OneStopShop wird durch eine bessere „Verzahnung“ der Behörden und eine tiefere Integration der Fachanwendungen unterstützt.

Potenziale durch Bürgerinformation und Bürgerbeteiligung

Das Web 2.0 lässt auch das GIS 1.0 zu einem GIS 2.0 werden. Menschen schließen sich in Communities zusammen und erzeugen so wichtige Informationen und das mit einer räumlichen Komponente. Potenziale, die sich in sozialen Netzwerken für die Kommunikationsprozesse auf Gemeindeebene verbergen, sind großteils noch ungenutzt. Ein „BürgerGIS“ kann die Kommunikationsprozesse anregen und soll eine Plattform bereitstellen, die es den BürgerInnen ermöglicht, Inhalte mit lokalem Bezug zu hinterlegen und zu diskutieren. Dadurch kann ein besserer Einblick in akute infrastrukturelle Probleme und Wünsche der BürgerInnen entstehen. Ein Projekt als Beispiel für eine erfolgreiche Bürgerinteraktion ist der „Unortkataster“ Köln. Er stellt ein Instrument dar, mit dem die BürgerInnen der Stadt Köln, Mängel im Stadtbild ortsbezogen markieren, beschreiben und bewerten können. Welche Relevanz ein persönlich identifizierter „Unort“ auch für andere BewohnerInnen hat, kann über den „Unortkataster“ beurteilt werden. Der Hintergrund dieses Konzeptes ist die Überzeugung, dass AnwohnerInnen über wertvolles lokales Wissen verfügen und somit schon im Vorfeld von Planungen, BürgerInnen in die Weiterentwicklung des Stadtbildes einbezogen werden können.10

Wohin geht der Weg?

GIS wurden in den Verwaltungen bisher meist als Desktop-Lösung eingesetzt, Die Vorteile eines Web-GIS setzen sich mittlerweile zusehends durch und erfordern dadurch auch neue Kooperationsmodelle. Die neuen Formen der Zusammenarbeit heißen interkommunale Kooperationen, Bürgerbeteiligung und Online-Communities. Aus technischer Sicht kommen immer mehr Open Source-Technologien zum Einsatz. Semantik GIS und neueste Entwicklungen, wie LOD Cloud, verknüpfen die relevanten Geoinformationen miteinander. Durch diese geschickten Kombinationen von verortetem Wissen entstehen neue Potenziale von Geoinformationssystemen über Verwaltungsgrenzen hinweg.

Anmerkungen:

  1. Vgl. dazu: Sester, Monika: Semantische und Geometrische Integration von Geodaten. 2007, S. 2. http://www.ikg.unihannover.de/fileadmin/ikg/staff/publications/sonstige_... [Download: 02.02.2009]
  2. Vgl. dazu: LinkedGeoData. http://linkedgeodata.org/About [Download: 10.09.2009].
  3. Vgl. dazu: DPpedia. http://dbpedia.org [Download: 10.09.2009].
  4. Vgl. dazu: Semantic Web Development Tools. http://esw.w3.org/topic/SweoIG/TaskForces/CommunityProjects/ LinkingOpenData/ [Download: 10.09.2009].
  5. Blumauer, Andreas; Krabina, Bernhard: Nutzenpotentiale des „Social Semantic Web“ im öffentlichen Sektor am Beispiel semantischer Wikis. HMD – Praxis der Wirtschaftsinformatik, Heft 265, Heidelberg Februar 2009, S. 7.
  6. Vgl. dazu: Open Geospatial Consortium. http://www.opengeospatial.org/ [Download: 28.08.09].
  7. Vgl. dazu: Epractice EU. http://www.epractice.eu/cases/GeoPISTA [Download: 25.03.2009].
  8. Integrierte Komponentenplattform für interkommunale Geo-Government-Systeme
  9. Vgl. dazu: Rust, Matthias; Falch, Guntram: INGEOS Semantik basierte GeoGovernment-Dienste. Zentrum für Graphische Datenverarbeitung e.V. Rostock 2006, S. 21.
  10. Vgl. dazu: „Unortkataster“ Köln: http://unortkataster.de/ [Download: 27.08.2009].

AutorInnen:

  • Andreas Haubenberger ist im Gemeindeverband Melk für das interkommunale E-Government von 40 Mitgliedgemeinden zuständig.
erschienen in: 
Forum Public Management 2009, 4, S. 12-15
Jahr: 
2009