Formen, Inhalte, Erfolgsfaktoren interkommunaler Kooperation am Beispiel Wiener Neustadt

Bürgermeister Müller zeigt heute bestehende vielfältige Inhalte und Formen der Kooperation zwischen Städten auf. Er spricht von der Hoffnung, dass eine neue Generation von PolitikerInnen die Zusammenarbeit durch Überwinden der traditionellen Grenzen des Territoriums, der Parteizugehörigkeit und der kulturellen Traditionen zum Nutzen der BürgerInnen entscheidend erweitern könnte.

1. Fakten zu Wiener Neustadt

Wiener Neustadt ist mit knapp 41.000 EW (Hauptwohnsitz) die elftgrößte Stadt Österreichs. Demographische Berechnungen lassen aus heutiger Sicht den Schluss zu, dass die Hauptstadt des Industrieviertels in rund 10 Jahren Dornbirn bezüglich der Einwohnerzahl überholt haben und sich dann unter den Top 10 der größten österreichischen Städte befinden wird.

Was die wirtschaftliche Situation der Stadt betrifft, kann Wiener Neustadt auf eine relative Stärke hinsichtlich der Klein- und Mittelbetriebe, aber auch der Leitbetriebe verweisen. Untermauert wird dies durch die kontinuierlich steigende Anzahl der Gewerbeanmeldungen pro Jahr, wie auch die Steigerung der Kommunalsteuereinnahmen durch neu entstandene Arbeitsplätze. Die geographische und strategische Lage kann als günstig beurteilt werden, der Bahnhof gilt als einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte Österreichs und darüber hinaus verfügt Wiener Neustadt über einen zivilen wie auch einen militärischen Flugplatz. Mit rund 13.000 SchülerInnen ist die zweitgrößte Stadt Niederösterreichs die wichtigste Bildungsmetropole in ihrem Bundesland.

Vieles, was in der Theorie zum Thema Gemeindekooperationen einfach erscheinen mag, erweist sich in der Praxis als steinig und mühevoll. Jedoch sind auch gelungene Kooperationen zu vermelden.

2. Zusammenarbeit der niederösterreichischen Statutarstädte sowie mit anderen Bezirksstädten

Bürgermeister Matthias Stadler aus St. Pölten hat vor geraumer Zeit Round Tables zwischen den Bürgermeistern der niederösterreichischen Statutarstädte (St. Pölten, Krems/Donau, Waidhofen/Ybbs und Wiener Neustadt) angeregt. Das heißt, die Bürgermeister der vier Städte treffen sich hinkünftig mindestens zweimal jährlich in institutionalisierter Weise („Statutarstädtekonferenz“), um gemeinsame Problemlösungen und Vorgehensweisen zu besprechen. Die Bürgermeister der vier Städte haben bereits bei den Finanzausgleichsverhandlungen zum FAG 2008 – historisch gesehen ein Novum – eine gemeinsame Pressekonferenz abgehalten, um auf die ökonomischen Schwierigkeiten der Großkommunen hinzuweisen. Dabei wurden über alle Parteigrenzen hinweg einhellig die gleichen Forderungen vertreten und die Anliegen der Städte artikuliert.

Über Vermittlung der Stadt St. Pölten und auch über die Landesgruppe Niederösterreich des Österreichischen Städtebundes gibt es eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen St. Pölten, Krems/Donau, Waidhofen/Ybbs und Wiener Neustadt v.a. zu Finanzfragen und Fragen des Finanzausgleichs.

Die Stadt Wiener Neustadt arbeitete während der Phase der Übergabeverhandlungen ihres Gemeindespitals an das Land Niederösterreich sehr eng mit der Stadt Neunkirchen zusammen. Es gibt in Niederösterreich seit 01.01.2008 keine Gemeindespitäler mehr, da ab diesem Zeitpunkt alle Krankenanstalten in der Niederösterreichischen Landeskliniken-Holding vereint sind. Die letzten Städte, die ihre Spitäler übergeben haben, waren Wiener Neustadt, Neunkirchen und Klosterneuburg.

Durch die regionale Nähe hat es im Rahmen der Übernahmeverhandlungen des Neunkirchner Krankenhauses einen sehr regen Austausch zwischen der Bezirkshauptstadt Neunkirchen und der Bezirkshauptstadt Wiener Neustadt gegeben. An diesem Beispiel lässt sich zeigen, dass zwei Bezirkshauptstädte, trotz eines sehr schwierigen Anlassfalles und finanziell unter Druck stehend, überregional gut zusammenarbeiten können.

Im Stadtmarketingbereich ist die Bezirksstadt St. Veit/Glan in Kärnten ein Kooperationspartner der Stadt Wiener Neustadt. Bürgermeister Gerhard Mock wurde vor einigen Jahren nach Niederösterreich eingeladen, um seine sehr erfolgreichen Citymanagement-Aktivitäten vorzustellen. Es ist ihm dabei gelungen, eine gewisse Trendumkehr, was die Verlagerung der Kaufkraft vom Stadtkern an die Peripherie betrifft, zu erreichen. Maßnahmen zur Bindung der KundInnen an die innerstädtische Wirtschaft wurden in St. Veit/Glan bereits vor 10 bis 15 Jahren begonnen. Gern hat Wiener Neustadt dieses Know how aufgegriffen und versucht, sich an St. Veit/Glan das eine oder andere Vorbild zu nehmen.

3. Internationale Städtekontakte

Eine weitere Form der Kooperation, auf die Wiener Neustadt sehr stark setzt, sind internationale Städtekontakte. Seit 1971 gibt es eine Partnerschaft mit Monheim am Rhein in Deutschland. Ehrlicherweise muss angeführt werden, dass sich der Austausch fast ausschließlich in folkloristischen Veranstaltungen erschöpft, wobei anzumerken ist, dass die deutschen und österreichischen Vereine der Städte diese Art der solidarischen Verbundenheit über Jahrzehnte hinweg sehr schätzen und auch die wechselseitige Weiterbildungs- und Wettbewerbskomponente auf Feuerwehrebene nicht gering geschätzt werden soll.

Inhaltlich doch gehaltvoller, wenn auch erst seit kurzer Zeit (seit 2002), stellt sich die Städtepartnerschaft mit Desenzano del Garda in Italien dar. Durch eine Zusammenarbeit der Städtischen Schule für Wirtschaftliche Berufe (HLA) in Wiener Neustadt mit einer italienischen Schule wurde das Ersuchen an die Stadtpolitik herangetragen, mit Desenzano del Garda eine Städtepartnerschaft einzugehen. Neben dem Schüleraustausch, der damit natürlich auch eine Erweiterung der Fremdsprachenkompetenz für junge Menschen darstellt, gibt es auch im kulturellen und künstlerischen Bereich Kooperationen und Partnerschaften (insbesondere wechselseitige Einladungen zu Ausstellungen und Vernissagen).

Seit dem Jahr 2006 (offizielle Vertragsunterzeichnung 2008) gibt es auch eine Städtepartnerschaft von Wiener Neustadt mit Harbin in der Volksrepublik China. Das Verwaltungsgebiet dieser Metropole im Norden des Landes hat über 9,4 Mio. EW. Betrachtet man die drei so unterschiedlichen Partnerstädte, so lässt sich der Bogen von Monheim mit viel Folklore und mit jahrzehntelanger Freundschaft, über Desenzano del Garda mit Schüler- und Kulturaustausch, bis hin zu Harbin mit einem sehr deutlichen Auftrag, wirtschaftlich und bildungspolitisch zusammenzuarbeiten, spannen. Es gibt bereits einen gut funktionieren Austausch zwischen Studierenden der chinesischen Stadt, die nach Wiener Neustadt kommen, um an der Fachhochschule für Wirtschaft, Technik und Gesundheitswissenschaften zu studieren und hiesigen StudentInnen, die die Möglichkeit erhalten, an zwei Universitäten Harbins Auslandssemester zu absolvieren. Darüber hinaus soll sehr bald ein Partnerschaftsbüro in der jeweilig anderen Stadt etabliert werden.

Wiener Neustadt ist auch Mitglied der „Arge Neustadt in Europa“. An diesem Beispiel zeigt sich, dass dieser Kooperationsgedanke aus einer Zeit stammt, in der man sich abseits von wirtschaftlichem Denken oder Handeln Gemeinsamkeiten gesucht hat, einfach des kulturellen oder auch des folkloristischen Interesses wegen, denn die Gemeinsamkeit der Städte Neustadt in Europa besteht ausschließlich im Namen: sie heißen von Neustadt bei Krems bis Novi Grad in Bosnien-Herzegowina.

4. Kooperation im Rahmen von Verbänden

Interessanter und weitaus substanzieller gestaltet sich die überregionale Zusammenarbeit in unterschiedlichen Verbänden. An dieser Stelle können beispielsweise der Regionale Entwicklungsverband Industrieviertel (REVI), der Abwasserverband, oder der Abfallwirtschaftsverband genannt werden. Am Fallbeispiel REVI (mit 109 Mitgliedsgemeinden aus dem gesamten Industrieviertel) lässt sich erkennen, was ein lokales Aktionsprogramm bedeuten kann, nämlich die Etablierung von Arbeitsgruppen zu den Themen Regional- und auch Wirtschaftsentwicklung, mit den Bezirken Wiener Neustadt, Baden und Neunkirchen. Dabei wird versucht, über die Stadtränder hinaus zu blicken und gemeinsame Strategiepläne zu entwerfen. Dazu gehören Standortkooperationen (z.B. Betriebsflächenevaluierung im südlichen Industrieviertel), Erstellung eines regionalen Betriebsflächenverzeichnisses, Aufbau grenzüberschreitender Netzwerke, Sprachoffensiven – ein Projekt zur Erhöhung der Sprachkompetenz für den zukünftigen gemeinsamen Wirtschaftsraum Ostregion und Aufbau von Schulpartnerschaften (z.B. mit der Handelsakademie Wiener Neustadt und mit einigen Gymnasien, auch mit der Primary School Pestalozzi) sowie Lobbying für EU-Förderungen. Sämtliche Projekte werden durch den Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) mit REVI als Projektträger und Lead Partner gefördert. Zurzeit versucht der Regionale Entwicklungsverband beim Land Niederösterreich Förderzusagen zu erwirken, um das Thema „Mobilität im Industrieviertel“ (Erhebungen von Verkehrsströmen, Erreichbarkeit von Bildungseinrichtungen/ArbeitgeberInnen/Freizeiteinrichtungen, Vernetzung des öffentlichen Verkehrs mit dem ländlichen Raum etc.) wissenschaftlich zu untersuchen.

Als überregionales Partnerschaftsprojekt soll auch MedAustron – ein Krebsforschungs- und Therapiezentrum, das aller Voraussicht nach 2012 in Wiener Neustadt in Betrieb gehen wird – vorgestellt werden. Es wird das einzige Zentrum dieser Art in Mittel-Osteuropa sein, wobei Tumorerkrankungen mit Laserstrahlen behandelt werden. Ähnliche Zentren entstehen in Heidelberg und in Mailand. Dieses Projekt, das durch die Partnerschaft zwischen Bund, Land NÖ und Stadt Wiener Neustadt begonnen hat, wurde in der Entwicklungsphase hinsichtlich der Kosten zwischen den genannten Gebietskörperschaften gedrittelt. MedAustron soll hinkünftig 1.200 PatientInnen pro Jahr versorgen und wird rund 400 – zum Teil hochqualifizierte – Arbeitsplätze schaffen. Nur durch gemeinsame Kraftanstrengungen kann dieses Großvorhaben realisiert werden.

Besonderer Erwähnung bedarf das Projekt „Citynet“, welches von 2006 bis 2008 bearbeitet worden ist. Es handelt sich um ein grenzüberschreitendes Netzwerk kleinregionaler Zentren und Städte und um die Darstellung der Städte des Industrieviertels, des Burgenlandes und Westungarns. Zu diesem Zweck wurde eine eigene Broschüre mit den wichtigsten Entwicklungsdaten, Veranstaltungen zum Thema Energieeffizienz in den Gemeinden, Events zum Thema Bürgerservice (Wiener Neustadt als Best Practice-Kooperation) und Stadtmarketing herausgegeben.

Die Städtefreundschaft Wiener Neustadt-Eisenstadt-Sopron wird vom Regionalen Entwicklungsverband federführend betreut. Es handelt sich dabei vorwiegend um Kontakte auf Ebene der Stadtverwaltungen, insbesondere im Bildungs- und Kulturbereich, aber auch bezüglich des Citymanagements. Von 2006 bis 2008 wurde der Versuch unternommen, die grenzüberschreitende Güterlogistik durch Erarbeitung eines Modells für ein dezentrales Logistikzentrum in Wiener Neustadt gemeinsam mit Sopron zu forcieren. Leider sind die Bemühungen derzeit ins Stocken geraten, so dass keine Fortschritte erkennbar werden. Als problematisch für eine gedeihliche Staaten übergreifende Zusammenarbeit muss die Tatsache beurteilt werden, dass bei Kommunalwahlen in Ungarn und Italien – ähnlich wie in den USA –, bei denen ein politischer Machtwechsel stattfindet, es vielfach zu einem völligen Austausch der wichtigsten Verwaltungsbediensteten kommt und somit bereits weit fortgeschrittene Kooperationsgespräche oftmals wieder bei Null begonnen werden müssen, was verständlicherweise auf österreichischer Verwaltungsseite nicht besonders motivationsfördernd wirkt.

Als sehr gutes Beispiel für funktionierende Kooperationen in einem Verband kann der hiesige Abwasserverband (gegründet 1973), mit derzeit 16 Mitgliedgemeinden und einem beteiligten Unternehmen, genannt werden. Die Effizienz und Sparsamkeit dieser Einrichtung zum Wohle aller Teilhabenden und letztlich aller BürgerInnen der Region, zeigt sich daran, dass die Betriebskosten der Kläranlage seit 2003 um rund 25 Prozent gestiegen sind, während sich der finanzielle Aufwand für die Mitglieder seit selbigem Zeitpunkt nur um rund 8,5 Prozent erhöht hat. Es lässt sich mit Bestimmtheit sagen, dass diese Kosteneffizient für eine Kommune alleine – ohne einen Verbund – nicht zu schaffen wäre. Die Nutzung der Kläranlage soll etwaig hinkünftig auch der Energiegewinnung dienen.

Ebenfalls positiv ist der im Jahr 1993 gegründete Abfallwirtschaftsverband zu erwähnen. Die Stadt Wiener Neustadt „entsorgt“ über eine kommunale Tochtergesellschaft den Müll von 37 Gemeinden des Bezirks mit insgesamt 110.000 EW. Durch die Nutzung von Synergien kann die Abfallbehandlungsanlage auf dem modernsten Stand gehalten werden und es gelingt, die Restmüllmengen durch gute Mülltrennung und Organisation bisher sehr gering zu halten. Regelmäßige Auszeichnungen seitens der verschiedensten Umweltverbände sind der „Lohn“ für die akribische Wahrnehmung des Ver- und Entsorgungsauftrages. Eine besondere Ehre und Auszeichnung für Wiener Neustadt war der Besuch des irischen Umweltministers im modernen Sortierwerk der Abfallbehandlungsanlage Wiener Neustadt, dem seitens des österreichischen Umweltministeriums zu dieser Exkursion geraten worden war.

5. Voraussetzungen für funktionierende Kooperationen

Mir erscheint die Anmerkung wichtig, dass es eine moderne, über den eigenen Tellerrand hinausblickende, von Kooperation getragene Kommunalpolitik unumgänglich macht, persönliche Befindlichkeiten und Eifersüchteleien hintanzustellen. Es bedarf einer Politikergeneration, die Animositäten weitestgehend vermeidet. Es gab Zeiten in Niederösterreich, wo die Frage „Welche Stadt wird Landeshauptstadt?“ zwischen Wiener Neustadt und St. Pölten zu einem deutlichen Bruch zwischen den handelnden Personen geführt hat, obwohl beide der gleichen Partei angehört haben. Die heute fast ausschließlich konfliktfreie Zusammenarbeit unterschiedlichster KommunalpolitikerInnen aller politischen Couleurs im Rahmen von überregionalen Einrichtungen und Institutionen verstärkt den Eindruck, dass eine neue Generation von PolitikerInnen (unabhängig vom Lebensalter) am Werk ist, die das Profitieren vom Anderen in den Vordergrund stellt.

Die Sitzungen des Österreichischen Städtebundes zeigen, dass hier parteipolitisches Handeln bei all den genannten Anliegen, wie Kooperationen in Finanzfragen, beim Thema Daseinsvorsorge, aber auch im Kulturbereich oder in der Debatte der künftigen Leistbarkeit von gemeindeeigenen Sozialeinrichtungen, kaum einen Platz hat. Die Interessen der Gemeinden mögen selbstverständlich manchmal widerstrebend sein zum Verband oder zum Regionsdenken, aber es gibt kaum Bruchlinien zwischen den Parteien.

Keineswegs optimal funktioniert dagegen die Kooperation von Städten mit eigenem Statut (als Bezirksverwaltungsbehörden) und den Bezirkshauptmannschaften. Dieser Umstand begründet sich auf einer Vielzahl von Beispielen der Ungleichbehandlung der genannten Behörden und der nachhaltigen Benachteiligung der Statutarstädte in Niederösterreich. Den Städten mit eigenem Statut wurden durch die so genannten Verwaltungsreformen I und II zahlreiche Agenden ohne jede finanzielle Abgeltung überantwortet, während bei den Gemeinden, die über kein eigenes Statut verfügen, alles gleich geblieben ist, da diese die zusätzlichen Aufgaben durch die Bezirkshauptmannschaften erledigt bekommen. Wenn man nur auszugsweise anführt, welche Mehraufgaben auf die Magistrate der niederösterreichischen Statutarstädte hinzugekommen sind – Meldeamt, Passamt, Fundamt, Vollzug des Niederlassungs- und Aufenthaltsgesetzes, Grundverkehr, Betriebsanlagenverfahren Tankstellen, Vollziehung Apothekengesetz, zahlreiche Agenden der Bundessozialämter etc. – kann man sich die enorme Belastung hinsichtlich der neu entstandenen Kosten leicht vorstellen. Neben dem Verwaltungsaufwand, blieb es den Behörden vielfach nicht erspart, zusätzliches Personal einzustellen und notwendig gewordene Räumlichkeiten anzumieten. Dass den Bezirkshauptmannschaften beispielsweise die Anschaffung der Software für das Zentrale Gewerberegister seitens des Landes Niederösterreich vor einigen Jahren bezahlt wurde, den Statutarstädten aber nicht, wird nur als die Spitze des Eisberges an Ungerechtigkeiten empfunden.

Als ein Ansatz für vertiefte Gemeindekooperationen könnte die Forcierung des Regionsgedankens – wie Beispiele in Deutschland zeigen – gelten. Nicht umsonst wurde im „Österreich-Konvent“ die Idee, anstelle der Bezirkshauptmannschaften (als ein Relikt der Monarchie) Regionalinstanzen zu schaffen, ausführlich diskutiert. Es wird daher für alle KommunalpolitikerInnen eine der vordringlichsten künftigen Herausforderungen sein, das „Kirchturmdenken“ zu überwinden. Gelingen kann dies aber nur, wenn die Städte und Gemeinden auch die entsprechende finanzielle Basis und den Rückhalt des Bundes bekommen.

Völlig richtig ist die Einschätzung, dass nicht jede/r Bürgermeister/in nahezu willkürlich auf der grünen Wiese „ihr/sein“ Einkaufszentrum bauen kann. Aber derzeit sehen sich viele BürgermeisterInnen veranlasst, dieses Bestreben voranzutreiben, auch wenn sie selbst der Meinung sind, dass es raumordnungstechnisch oder aus Sicht des Stadtmarketings gar nicht sinnvoll sei. Die Begründung für dieses Verhalten ist darin gelegen, dass es im Rahmen der gegenständlich herrschenden Finanzierungsmodelle für Gemeinden und Städte nahezu die einzige Möglichkeit ist, Betriebe anzusiedeln, um durch gesteigerte Kommunalsteuereinnahmen eine Verbesserung der städtischen Finanzlage zu erwirken. Denn parallel zu den dramatisch sinkenden Einnahmen (Stichwort: Getränkesteuer und Werbeabgabe) bekommen die Kommunen immer mehr Aufgaben. Die Städte sind in diesem Prozess generell benachteiligt und jene mit eigenem Statut werden – wie bereits ausgeführt – noch zusätzlich belastet.

Daher sind undurchdachte Schnellschüsse wie „Einkaufszentrum auf der grünen Wiese“ oder „Abverkauf des Tafelsilbers“ nur dann zu verhindern, wenn man den Großkommunen auch aus anderen Töpfen, wie dem Finanzausgleich, Mittel zur Verfügung stellt. Denn ein Großteil der GemeindepolitikerInnen ist sich vollinhaltlich bewusst, dass es nicht sinnvoll ist, das „100. Einkaufszentrum“ zu bauen, aber manche akzeptieren vielleicht zähneknirschend Verletzungen von Raumordnungsgrundsätzen, um laufende Einnahmen für die Gemeinde erzielen zu können. Es ist wohl keine Übertreibung wenn man anmerkt, dass gegenwärtig eine politisch gelebte Praxis vorherrscht, welche die schwächste Gebietskörperschaft – nämlich die Gemeinden – in Fehlentwicklungen geradezu hineintreibt.

Die Städte sind weit fortgeschritten was die Professionalisierung und Modernisierung der Stadtverwaltungen betrifft. Natürlich sind sie auch vielfach gezwungen, neue Instrumente einzusetzen: Ausgliederungen von Aufgaben in 100%-Tochtergesellschaften, PPP-Modelle, Holdings und ähnliches. Das kann durchaus ein probater Weg sein. Er wird aber nur dann nachhaltig erfolgreich sein, wenn neben Public Private Partnership auch Public Public Partnership funktioniert, und das tut es aus heutiger Sicht nicht. In diesem Sinne wird auch eine Stärkung der Position des Österreichischen Städtebundes unumgänglich sein, was Generalsekretär Thomas Weninger erfreulicherweise erkannt und erste wichtige Schritte gesetzt hat. Hier ergibt sich aus der Sicht des Autors ein Problem in der Wahrnehmung des Österreichischen Städtebundes – und nicht in der Dienstleistung und nicht im Substrat –, weil der Präsident des Österreichischen Städtebundes in der Öffentlichkeit häufig nur als Wiener Bürgermeister wahrgenommen wird und weniger in seiner Funktion als Vertreter der Städte, während der Präsident des Österreichischen Gemeindebundes, als Bürgermeister einer kleineren Gemeinde, in aller Regel überregional nur in der Funktion als Präsident des Gemeindebundes auftritt und daher schon rein medial ein Ungleichgewicht entsteht. Es besteht daher Handlungsbedarf, dieses Manko wettzumachen.

6. Zusammenfassung und Ausblick

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Kooperationen zwischen Gemeinden innerhalb von Verbänden fast ausschließlich ausgezeichnet funktionieren. Außerhalb dieser bestehen aber noch zahlreiche Hemmnisse, zwischen Gemeinden und Städten, aber auch zwischen Städten und Städten. Abschließend sei noch ein Beispiel gestattet, das zeigen soll, dass es immer Sinn macht, das eigene (kommunal-)politische Handeln zu hinterfragen und einer Selbstkritik zuzuführen. Offensichtlich ist es ein gemeindepolitischer Reflex, das geographisch Nahe auch als inhaltlich Nahes zu empfinden, obwohl das Gegenteil oft der Fall ist. So richtet auch die Stadtpolitik von Wiener Neustadt bei der Beurteilung von fachspezifischen und -thematischen Entwicklungen häufig den ersten Blick auf den eigenen Bezirk. Nehmen wird das Beispiel der ganz kleinen Bezirksgemeinde Rohr im Gebirge (480 EW). Es hat nichts mit Hochmut zu tun, wenn man behauptet, dass Wiener Neustadt mit diesem Ort praktisch nichts gemeinsam hat, außer der geographischen Lage im Bezirk. Dennoch richtet sich sehr häufig das Erstinteresse an die nächste Umgebung.

Demgegenüber hat Wiener Neustadt mit Sopron, obwohl nicht im Bezirk, nicht im selben Bundesland und sogar in einem anderen Staat, viel gemeinsam was Einwohnerzahl, wirtschaftliche Stärke oder bildungspolitische Bedeutung betrifft, um nur einige Schnittpunkte zu nennen. Wir alle müssen uns täglich ermahnen, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Nur so können Kooperationen im vereinten Europa den Gemeinden und Städten zu wirklichen Fortschritten verhelfen.

AutorInnen:

  • Bernhard Müller ist seit 2005 Bürgermeister von Wiener Neustadt. Von 2005-2008 Stadtrat für Finanzen und Wirtschaft. Mitglied der Geschäftsleitung des Österreichischen Städtebundes und des Vorstandes des KDZ - Zentrum für Verwaltungsforschung. Mitherausgeber der „Bibliothek der Grundwerte“ und Verfasser zahlreicher kommunalwissenschaftlicher Beiträge.Kontakt: bernhard.mueller@wiener-neustadt.at
erschienen in: 
Forum Public Management SN 2009, 1, S. 23-27
Jahr: 
2009