Ehrenamt 2.0: Neue Formen der Freiwilligenarbeit

Neben den unbestrittenen Verdiensten der klassischen Freiwilligenarbeit, die im Europäischen Jahr für Freiwilligentätigkeit 2011 gewürdigt werden, sind auch neue Formen der Freiwilligenarbeit durch soziale Medien möglich geworden (auch als Ehrenamt 2.0 bezeichnet). Stadt- und Regionalwikis und vor allem auch Open Government Data werden daher im Zusammenhang mit Freiwilligenarbeit betrachtet.

Der im Juni 2009 erschienene Freiwilligenbericht weist bereits auf eine Lücke im Thema hin: „Neue, in Zusammenhang mit freiwilligem  Engagement wissenschaftlich noch wenig beachtete Handlungsfelder finden Jugendliche im Web 2.0. Dazu zählen etwa die soziale Unterstützung in Online-Netzwerken oder die Arbeit an Open-Source-Angeboten (z.B. Programme, Wissens-Pools oder -Zeitungen). Diese werden bei der künftigen Erfassung von freiwilligem Engagement von Jugendlichen vermehrt zu berücksichtigen sein.“1

Abb. 1: Stadtwiki Karlsruhe
Quelle: http://ka.stadtwiki.net [Download: 01.11.2011]

Mittlerweile ist zu beobachten, dass soziale Medien (Web 2.0) längst nicht mehr Jugendphänomene sind, sondern zum Mainstream zählen und somit alle Bevölkerungsschichten betreffen.

Auch im letzten Quartal des Jahres der Freiwilligenarbeit scheint die erwähnte Lücke nach wie vor zu bestehen, zumindest im deutschsprachigen Raum finden sich wenige Beiträge zu diesem Thema. Zu unterscheiden ist die Frage, wie soziale Medien (Web 2.0) für die (klassische) Freiwilligenarbeit genutzt werden können2 und welche neuen Formen von Freiwilligenarbeit sich herausgebildet haben bzw. in Zukunft abzeichnen. In diesem Artikel wird der Aspekt der Nutzung sozialer Medien für die Freiwilligenarbeit vorerst nicht weiter vertieft, sondern der Fokus auf ausgewählte neue Formen der Freiwilligenarbeit gelegt.

Wikipedia, Stadt- und Regionalwikis

Eine der wohl beeindruckendsten ehrenamtlichen Werke ist die Erstellung von Wikipedia, der weltweit größten und umfassendsten Enzyklopädie, die von individuellen AutorInnenen unentgeltlich konzipiert, geschrieben und nach der Veröffentlichung gemeinschaftlich korrigiert, erweitert und aktualisiert wird. Seit der Gründung im Jahr 2001 ist die deutschsprachige Ausgabe auf über eine Million Artikel herangewachsen.3 (Zum Vergleich: die größte, 30bändige Ausgabe des Brockhaus enthält 300.000 Stichwörter.4)

Mittlerweile existieren auch eine Reihe von Stadt- oder Regionalwikis, die in der Regel wie Wikipedia aufgebaut und organisiert sind, aber einen speziellen inhaltlichen Regionalbezug aufweisen. Unter den 30 größten Stadtwikis kommen 13 aus Deutschland, acht aus Spanien, sechs aus den USA und jeweils eines aus Österreich, Frankreich und Groß-britannien.5 Das größte Stadtwiki ist das Stadtwiki Karlsruhe mit knapp 23.000 Artikeln und fast 5.000 UserInnen (siehe Abbildung 1).

Bemerkenswert am Beispiel des Stadtwikis Karlsruhe ist, dass dort neben anderen, für Stadtwikis typischen Themen wie Tourismus und Geschichte auch ein „Portal Neubürger“ existiert. Also ein Themenbereich für den Freiwillige Informationen bereitstellen, die nützlich sind, wenn man neu in die Stadt Karlsruhe zieht. Somit wird durch Freiwillige eine klassische Verwaltungsdienstleistung der Kommunalverwaltung erbracht. Das -derzeit größte Stadt- bzw. Regionalwiki aus Österreich ist das „Salzburgwiki“, eine freie Wissensdatenbank für das Bundesland -Salzburg, die auf eine Initiative der österreichischen Tageszeitung Salzburger Nachrichten zurückgeht.6 Weitere österreichische Regionalwikis sind das „AtterWiki“ (Region Attersee-Attergau), das „LinzWiki“, sowie das „Waldviertel-Wiki“.7

Open Commons

Die Open-Commons-Region Linz versteht unter dem Begriff „Commons“ das Gemeingut an urheberrechtlich geschützten Werken oder anderen geschützten Artefakten und „Open Commons“ die freie Nutzung dieser Artefakte unter festgelegten Bedingungen, ohne dafür Lizenzentgelte entrichten zu müssen.8 Open-Commons umfasst daher Open-Content (frei verfügbare Inhalte), Open-Data (frei verfügbare Daten) und Open-Source (frei verfügbare Software). Die Städte Wien und Linz gelten in Österreich als Vorreiter beim Thema Open Government und haben als erste Open-Data-Portale freigeschaltet.9 Durch die pro-aktive Freigabe von Datensätzen der Verwaltung wurden beispielsweise in Wien durch Freiwillige bereits 19 Anwendungen ent-wickelt (siehe Abbildung 2), darunter unter anderem die Applikation „Mach mit!“ für Smartphones, mit der Missstände im öffentlichen Raum der Stadtverwaltung gemeldet werden können, oder der „Schwimmpreisrechner“, der – abhängig vom Standort der Benutzerin oder des Benutzers – die nächstgelegenen Schwimmbäder in Wien inklusive Preisinformationen, Anfahrtsplan und Link anzeigen.

Abb. 2: Open Data Portal der Stadt Wien
Quelle: http://data.wien.gv.at/apps/ [Download: 01.11.2011]

Erst am Beginn der Möglichkeiten sind -weitere Themen, die unter den Schlagworten „Crowdsourcing“ oder „Open Innovation“ benannt werden und die Frage betrachten, wie Leistungsprozesse unter Einbeziehung von Freiwilligen neu gestaltet werden können.10 Neue Formen der Freiwilligenarbeit haben für den öffentlichen Sektor großes Potenzial, das in den nächsten Jahren durch Forschung und Verwaltungspraxis erschlossen werden sollte.

Anmerkungen

  1. Vgl. More-Hollerweger, Eva; Heimgartner, Arno (2009)
  2. Als erster Einstieg kann die Nutzung von Facebook, Twitter und Youtube durch das Freiwilligenweb dienen: http://www.freiwilligenweb.at/index.php?id=CH1046 [Download 4. 11. 2011] bzw. der Artikel von Thiedeke, Udo (2008) und die Studie von Gensicke, Thomas; Geiss, Sabine (2010)
  3. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia
  4. Vgl. http://www.brockhaus.de/enzyklopaedie/30baende/index.php [Download 4. 11. 2011]
  5. Vgl. http://omaha.towncommons.com/Project:Largest_City_Wikis [Download 4. 11. 2011]
  6. Vgl. http://www.salzburg.com/wiki/index.php/Salzburgwiki:Über [Download 4. 11. 2011]
  7. Vgl. http://allmende.stadtwiki.info/wiki/Node:Portal#.C3.96sterreich [Download 4. 11. 2011]
  8. Vgl. Promberger, Gustav; Kempinger, Gerald, 2010
  9. Vgl. Krabina, Bernhard; Pawel, Stefan, 2011
  10. Vgl. z. B. http://de.wikipedia.org/wiki/Crowdsourcing oder http://de.wikipedia.org/wiki/Open_Innovation [Download 4. 11. 2011]

Literatur zu diesem Thema

erschienen in: 
Forum Public Management 2011, 4, S. 7-9
Jahr: 
2011