In der Spekulationsfalle: Wenn Gemeinden zocken

Die Medien berichten regelmäßig von Gemeinden, Staatsbetrieben und öffentlichen Institutionen, die öffentliche Gelder verspekuliert haben. Welche Lehren können Gemeinden ziehen?

Der Ruf nach Kontrolle, Regulierung und Aufsicht wird zunehmend lauter. Aber ist das nicht nur ein Ablenkungsmanöver? Werden so nicht nur mehr Bürokratie und gesetzliche Grauzonen geschaffen? Wieso wird die Problematik „schulmedizinisch“ behandelt, sprich Symptombehandlung betrieben? Zur Behebung eines Problems muss man doch die Wurzel des Übels finden und nicht erst reagieren, wenn es bereits zu spät ist. Problemvermeidung und nicht Problembehebung sollte die Devise heißen.

Die Diskussionen scheinen mir ähnlich, wie die Helmpflicht beim Schifahren. Man ist versucht zu glauben, dass man mit Helm vor allen Verletzungen geschützt sei. Häufiger auftretende schwere Knieverletzungen werden überhaupt nicht erwähnt. Tatsächlich sollten angepasste Fahrweise und verbesserte körperliche Fitness zur Unfallvermeidung im Vordergrund stehen. Im Finanzbereich ist es ähnlich: Da gibt man vor, dass Fehlberatungen nicht mehr geschehen, wenn strengere Regeln geschaffen werden. Fakt ist aber, dass angesichts der Komplexität der Materie Missverständnisse vorprogrammiert sind. Strenge Gesetze bringen keine Besserung, sondern erschweren eine vernünftige KundInnen-BeraterInnen-Beziehung. Bereits jetzt verlangt das verschärfte Wertpapieraufsichtsgesetz bei Kaufabschlüssen seitenlange, nicht enden wollende Risikobelehrungen, Formulare und Anlegerprofile. In der Praxis werden diese jetzt noch weniger beachtet als zuvor.

Höhere Rendite bedeutet immer höheres Risiko

Der Gesetzgeber tendiert in vielen Bereichen dazu, den Menschen immer mehr zu bevormunden und nennt es Schutz. Damit wir aber auch mündige BürgerInnen bleiben, muss Eigenverantwortung übernommen werden. Die ständige Suche nach Schuldigen ist nicht hilfreich. Wer Risiken eingeht, muss auch etwaige Verluste tragen. Höhere Rendite bedeutet immer höheres Risiko. So abgedroschen die-ser Satz klingen mag, er hat nichts an Wahrheitsgehalt eingebüßt. Der Mythos des genialen Finanzprodukts, das „fast sicher“ ist, aber sensationelle Renditen abwirft, ist so alt wie der Fi-nanzmarkt selbst. Genauso der dazu passende Finanzguru, der die Märkte so gut versteht, dass er sogar Zukunftsprognosen erstellen kann. Im Folgenden soll eine kurze Analyse helfen, die aktuelle Situation besser zu verstehen. Der Begriff „Finanzkrise“ verschleiert zunehmend, dass Investoren vor mehr als nur einem Problem stehen. Drei Aspekte sind zu beachten:

1. Beratung oder doch nur Produktverkauf?

In keiner Branche wird Beratung so oft mit Verkauf verwechselt wie in der Finanzbranche. Oder kennen Sie z.B. eine/n AutoberaterIn? Es ist ein Irrglaube anzunehmen, dass man ausgerechnet in einer Bank eine objektive Beratung erhält. Warum sollte ein/e Bank- und FinanzberaterIn nicht primär die eigenen Bank- und Finanzprodukte verkaufen? Verdient wird nur bei Verkaufsabschluss, das Hauptinteresse der/s Bankverkäuferin/s liegt somit bei der Unterschriftsleistung am Kaufantrag. Objektive Beratung ist daher nur möglich, wenn unabhängig vom Geschäftsabschluss ein Honorar bezahlt wird.

2. Verbriefte Risiken: In die Falle getappt

Nach Platzen der legendären Internet-Blase im Jahr 2000 mussten den AnlegerInnen Produkte präsentiert werden, die immun gegen derartige Marktgeschehnisse sind. Hier liegen auch die Wurzeln der Finanzkrise: In der Verbriefung und Streuung von Risiken über den ganzen Globus. Großanleger und deren Hedgefonds fanden Wege, um nicht hilflos mit den Aktienmärkten zu verlieren. Positionen wurden gegen alle möglichen Risiken abgesichert. Auch ein perfekt geführtes Risikomanagement auf Kosten von Renditen kann Risiken also auch nur eindämmen – aber nicht gänzlich ausräumen oder gar verhindern.

3. Spekulation auf Pump

Als problematisch erwies sich auch, dass viele Gemeinden nicht mit ihren Überschüssen spekuliert, sondern dafür Kredite aufgenommen haben. Angedacht wird daher auch, in Zukunft große Veranlagungen durch ExpertInnen aus Nationalbank, FMA und WirtschaftstreuhänderInnen vorweg prüfen zu lassen. Auch hier bleibt abzuwarten, ob nicht der bürokratische Aufwand den Nutzen überwiegt und, ob diese Kontrollinstanzen nicht mit der Überprüfung selbst überfordert sind. Schließlich hat die Aufsichtsbehörde auch das Treiben der bisher sehr renommierten Privatbanken mit deren Immobilienaktienvehikeln nicht gestoppt oder zumindest aggressive und irreführende Werbung sowie Gutachten hoch dekorierter UniversitätsprofessorInnen, die Sicherheit assoziieren sollten, untersagt. Gemeinden werden bei der Suche nach hohen Renditen zudem immer wieder Opfer von Betrügereien. Zuletzt machte der mutmaßliche Milliardenbetrüger und frühere Börsenstar Bernard Madoff Schlagzeilen.

Rückbesinnung auf die Eckpfeiler einer erfolgreichen Veranlagung

Ergo – Warum Risiken managen und nicht gleich vermeiden? Ähnlich wie bei der Abfallwirtschaft, wo Abfallvermeidung in den Vordergrund rückt, sollte auch im Veranlagungsbereich die Risikovermeidung höhere Priorität genießen. Die aktuelle Krise zeigt: Mit Selbstvertrauen, meist aber Selbstüberschätzung erdachte sich so manche FinanzexpertIn gefinkelte Konstruktionen, um Risiken zu reduzieren oder gar gleich auszuschließen. Dass dies nicht möglich ist, sollte eine der bitteren Lehren der aktuellen Finanzkrise sein. Die Verunsicherung am Markt ist mittlerweile so hoch, dass keinerlei Risiken mehr bewertet werden. Das System, das jahrelang davon gut gelebt hat, hat sich nun selbst gerichtet.

Fazit: Mit Hausverstand und dem Einhalten von ein paar Grundregeln können die meisten Fehlgriffe vermieden werden. Jedoch bleiben, wie überall im Leben, bestimmte Restrisiken offen und unvermeidbar – damit wird man auch in Zukunft leben müssen.

Sieben Tipps

  1. Hausverstand einschalten
  2. Fragen/Zweifel gänzlich klären
  3. Interessenkonflikte klären
  4. Vermeidung von Gier und Angsthandlungen
  5. Ziele definieren
  6. Kosten hinterfragen
  7. Geduld und Disziplin

AutorInnen:

  • Bernhard Schuster ist diplomierter Portfoliomanager, gewerblicher Vermögensberater sowie Betreiber der Website http://www.100prozentig.at.
erschienen in: 
Forum Public Management 2009, 1, S. 9-10
Jahr: 
2009