Gerechtes Wohnen - Investitionen in die Gesellschaft am Beispiel des Wiener Gemeindebaus

Gute Wohnverhältnisse und ausreichend Wohnraum sind zentrale Indikatoren für Lebensqualität und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Eine Studie des KDZ untersuchte den Public Value des Wiener Gemeindebaus und kommt zu dem Schluss, dass die nachgewiesenen sozialen, ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Wirkungen maßgeblich zur wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Kohäsion Wiens beitragen.

Wohnen als unverzichtbares Grundbedürfnis zeichnet sich im Gegensatz zu anderen Gütern dadurch aus, dass es unersetzbar ist. Der freie Markt allein schafft es in der Regel nicht, die Bevölkerung mit ausreichend leistbarem Wohnraum zu versorgen. Ein Eingreifen der öffentlichen Hand ist aber auch aus
verteilungspolitischen Gründen gerechtfertigt und notwendig. Der demografische Wandel und gesellschaftliche Herausforderungen erschweren es den öffentlichen GewährleisterInnen allerdings zunehmend, der Bevölkerung bedarfsgerechten Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Auch gesetzliche Umweltauflagen, knappe öffentliche Ressourcen, hohe Anforderungen der Wohnbauförderung und nicht zuletzt das EU-Wettbewerbsrecht schränken den Handlungsraum der kommunalen Wohnungswirtschaft in Österreich immer mehr ein.

Der Wiener Gemeindebau

Eine einzigartige Rolle spielt dabei die Stadt Wien. Wiener Wohnen – eine Unternehmung der Stadt Wien ist nicht nur Österreichs, sondern auch Europas größte Hausverwaltung. Innerhalb Österreichs unterscheidet sich die Struktur des Wohnungsbestandes in Wien wesentlich von jener der anderen Bundesländer. Einerseits ist sie geprägt von einem im Verhältnis relativ geringen Anteil von Haus und Wohnungseigentum, andererseits liegt der Anteil der Gemeindewohnungen mit einem guten Viertel des Gesamtwohnungsbestandes deutlich über dem österreichischen Durchschnitt mit 16 Prozent. Somit wohnt jede vierte Wienerin bzw. jeder vierte Wiener in einem Gemeindebau. Dementsprechend betreffen den Wiener Gemeindebau die bereits genannten Herausforderungen besonders. Dies auch deshalb, weil die Wiener Bevölkerung bis zum Jahr 2035 auf prognostizierte zwei Millionen Einwohnerinnen und Einwohner anwachsen wird und dafür jährlich zusätzliche 10.000 bis 15.000 Wohnungen benötigt werden.

Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, den gesellschaftlichen Mehrwert oder Public Value des Wiener Gemeindebaus zusätzlich zum eigentlichen Nutzen der Wohnbedarfsdeckung für primär einkommensschwächere Bevölkerungsgruppen darzustellen und nach außen sichtbar zu machen.

Der Public Value

Um den Public Value des Wiener Gemeindebaus zu definieren und zu erfassen, wurde ein Modell entwickelt, dem folgende zentrale Fragestellungen zu Grunde liegen:

  • die Rolle des Wiener Gemeindebaus als Wirtschaftsfaktor;
  • die Rolle des Wiener Gemeindebaus als Stabilitätsfaktor für den Wohnungsmarkt in Wien;
  • die Rolle des Wiener Gemeindebaus unter dem Aspekt der sozialen Integration;
  • die Rolle des Wiener Gemeindebaus unter dem Aspekt der ökologischen Nachhaltigkeit.

Das Public Value Modell basiert auf dem fünfdimensionalen Modell für den öffentlichen Sektor von Tony Bovaird1 und wurde für den Wiener Gemeindebau weiterentwickelt (siehe dazu Artikel Gemeinwohl, FPM 03/2014, S.4ff). Zur Messung des Public Values wurden sowohl quantitative als auch qualitative Indikatoren herangezogen, wobei das Indikatorensystem so konzipiert wurde, dass von den einzelnen gewünschten Wirkungen ausgegangen wurde. Für diese Wirkungen wurden jeweils ein oder mehrere Indikatoren bestimmt.

Zentrale Ergebnisse

Der Wiener Gemeindebau generiert aufgrund der festgestellten sozialen, ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Wirkungen auf sein Umfeld einen bedeutenden Public Value.

Abb. 1: Ziele und Nutzen des Wiener Gemeindebaus (Wiener Wohnen) – Übersicht
Quelle: eigene Darstellung, KDZ 2014.

Leistbar und sozial

Der Wiener Gemeindebau garantiert leistbares Wohnen und Wohnsicherheit in ganz Wien. Private Mieten sind bei Neubezug fast doppelt so teuer wie Gemeindewohnungen. Ein Neubezug ohne Zusatzkosten sowie unbefristete Mietverhältnisse garantieren vor allem auch einkommensschwächeren Bevölkerungsgruppen stabile Wohnverhältnisse. Die regulierten Mieten und das große Angebot wirken sich zudem preisdämpfend auf die freien Mieten aus und senken das allgemeine Wiener Mietpreisniveau. Als einziger Anbieter von leistbarem Wohnraum, auch für sozial stark benachteiligte Menschen, vermindert der Wiener Gemeindebau sichtbare Armut und Obdachlosigkeit und schützt sozial benachteiligte Menschen vor der Armutsfalle. Da die Gemeindebauten über ganz Wien verteilt sind und die Mietkonditionen in allen Bezirken unabhängig von Lage und Bezirk gleich sind, können ethnische und soziale
Segregation abgefedert werden.

Umwelt und Erholungsraum

Die großen Frei- und Grünflächen des Wiener Gemeindebaus2 stellen vor allem in den inneren, dicht bebauten Bezirken wichtige zusätzliche Erholungsflächen für die gesamte Wiener Bevölkerung dar. Durch Sanierungstätigkeiten wird der jährliche CO2-Ausstoß in ganz Wien um drei Prozent verringert und der
jährliche Wiener Raumwärmebedarf um ein Prozent gesenkt.

Arbeitsplätze

600 Millionen Euro Investitionen im Jahr 2012 erzielten einen Beschäftigungseffekt von 7.200 Arbeitsplätzen im Großraum Wien. Mit den 3.800 Beschäftigten der Unternehmung Stadt Wien – Wiener Wohnen werden somit 11.000 Arbeitsplätze jährlich gesichert.

Vielfalt und Integration

Durch seine BewohnerInnenstruktur (Alter und Herkunft) ist der Wiener Gemeindebau ein wesentlicher Träger der kulturellen Vielfalt und des durchmischten Wohnens in Wien. Er unterstützt damit maßgeblich den gesellschaftlichen Integrationsprozess.

International beispielhaft

Wien verfügt mit rund 580 Wohnungen je 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner über ein deutlich größeres Wohnungsangebot als Prag, Budapest oder Hamburg, primär durch den hohen Anteil an Gemeindewohnungen. Durch die Verteilung der Gemeindebauten auf das gesamte Stadtgebiet hat Wien im internationalen Vergleich eine sehr ausgewogene sozialräumliche Stadtstruktur.

Auch unter dem Aspekt, dass „gerechtes Wohnen“3 nicht nur Verfügbarkeit und Leistbarkeit, sondern auch adäquaten Wohnraum für einkommensschwächere Menschen in attraktiven Stadtteilen meint, gilt es, den nachgewiesenen Public Value des Wiener Gemeindebaus nachhaltig zu sichern. Denn nicht zuletzt aufgrund des hohen Anteils an Gemeindebauten kann Wien als „gerechte Stadt“4 bezeichnet werden.

Anmerkungen:

1Bovairds Modell unterscheidet folgende Dimensionen: (1) den direkten Wert für die NutzerInnen („user vaule“), (2) den Wert/ Nutzen für andere Zielgruppen im direkten Umfeld, (3) den politischen Wert/Nutzen, (4) den sozialen Wert/Nutzen und (5) den Wert/Nutzen für die Umwelt. (Vgl. Bovaird, 2008, S. 260 – 270).

2 700 Hektar Grünflächen machen beinahe ein Zehntel aller kultivierten Grünflächen Wiens aus.
3 Vgl. Gutheil-Knopp-Kirchwald, Gerlinde; Kadi Justin: Gerechte Stadt – gerechte Wohnungspolitik? In: Der öffentliche Sektor – The Public Sector, Vol. 40 (3-4) 2014, S. 11-28.
4 In der „gerechten Stadt“ sind öffentliche Interventionen vorzusehen, die vor allem die Situation von benachteiligten Haushalten verbessern (soziale Stadtentwicklung). Sozialer Ausgleich, Vielfalt und Demokratie als Prinzipien einer gerechten Stadt. (vgl. Gutheil-Knopp-Kirchwald, Gerlinde; Kadi Justin: Gerechte Stadt – gerechte Wohnungspolitik? In: Der öffentliche Sektor – The Public Sector, Vol. 40 (3-4) 2014, S. 11.

erschienen in: 
Forum Public Management 2015, 1, S. 14-16
Jahr: 
2015