Gemeinwohl - Public Value oder der gesellschaftliche Mehrwert öffentlicher Leistungen

Public Value bezeichnet jenen Wert, den die Gesellschaft und nicht der Einzelne (Private Value) aus (öffentlichen) Leistungen schöpft. Allerdings wird dieser Mehrwert oft unterbewertet und vielfach weder von der Öffentlichkeit noch von der eigenen Organisation wahrgenommen. Umso wichtiger ist es in Zeiten angespannter öffentlicher Haushalte den Public Value, der durch öffentliche Leistungen generiert wird, sichtbar zu machen.

Der Public Value Ansatz für die öffentliche Verwaltung geht auf den Havard-Wissenschafter Mark H. Moore zurück.1 Mittlerweile wenden Institutionen, Organisationen, aber auch Unternehmen aus ganz unterschiedlichen Bereichen seine Public Value Idee an. Die Deutsche Bundesagentur für Arbeit beispielsweise nutzt den Public Value Ansatz, um ihre Gesamtleistung abzubilden. Die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen e. V. wiederum vergibt Public Value Awards für öffentliche Bäder. Damit soll gezeigt werden, dass öffentliche Schwimmbäder nicht bloß an ihrer Wirtschaftlichkeit zu messen sind, sondern Werte für die Gesellschaft schaffen.2

Pionier in der Anwendung des Public Value Ansatzes in der öffentlichen Verwaltung war 1994 das New Yorker Police Department mit dem Ziel, die damals sehr hohe Kriminalitätsrate
in der Stadt New York einzudämmen.3

Neu definiertes Gemeinwohl

Grundsätzlich schließt die Public Value Idee an bekannte Debatten und Konzepte an. Allerdings wird die Wertschaffung umfassender betrachtet und der soziale Kontext betont. Damit definieren Public Value Konzepte das Gemeinwohl neu. Der traditionelle wirtschaftliche Wertschöpfungsansatz bleibt zwar weiterhin relevant, wird aber um zusätzliche Wertarten und Wertedimensionen allgemeiner gesellschaftlicher Ziele wie Gerechtigkeit, schonender Umgang mit Ressourcen etc. erweitert. Im Mittelpunkt von Public Value Ansätzen steht demnach die tatsächliche Wertschöpfung einer Organisation.4 Dabei hängt der gesellschaftliche Mehrwert von den Zielen und Wirkungen des öffentlichen Handelnsab.5 Public Value Analysen versuchen somit, den Einfuss von Organisationen auf die Gesellschaft und ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt abzubilden.6

Public Values bestimmen und messen

Die Methoden Public Values zu bestimmen und zu messen sind vielfältig. Eine rein quantitative Messung erweist sich aufgrund der vielfältigen Nutzen- und Wirkungsdimensionen als schwierig und auch problematisch. Auch Mark H. Moore weist in seinem aktuellen Buch „Recognizing Public Value“7 auf diese Herausforderung hin. Dies betrifft primär einerseits die Frage, wer entscheidet, was als Public Value gelten soll (KundInnen, NutzerInnen, StakeholderInnen oder die Öffentlichkeit). Andererseits ist abzuklären, ob es bestimmte Werte gibt, die den Public Value ausmachen (z.B. Effektivität, Kostengünstigkeit, Gerechtigkeit etc.).

Public Value leistbaren Wohnens

Das KDZ beschäftigt sich mittlerweile seit einigen Jahren mit dem Thema des gesellschaftlichen Mehrwerts öffentlicher Dienstleistungen. So wurde unter anderem der Public Value bedarfsorientierten Wohnraums für die Bevölkerung analysiert.8 Dafür hat das KDZ ein Modell entwickelt,  um den Public Value ausreichender und leistbarer Wohnungen zu ermitteln. Als theoretisches Grundgerüst wurde das Fünfdimensionenmodell für die öffentliche Verwal- tung des kanadischen Wissenschafters Tony Bovaird9 herangezogen. Zur Messung des Public Values wurde methodisch auf das 4-stufige Modell der Public Service Value Methodology für öffentliche Dienstleistungen nach Cole und Parston10 zurückgegriffen.

Bovairds Modell unterscheidet folgende Dimensionen, um den Public Value zu ermitteln:

  1. den direkten Wert für die NutzerInnen („user value“),
  2. den Wert/Nutzen für andere Zielgruppen im direkten Umfeld,
  3. den politischen Wert/Nutzen,
  4. den sozialen Wert/Nutzen und
  5. den Wert/Nutzen für die Umwelt.

Umgelegt auf den Bereich des Wohnens wurden folgende Wirkungsparameter für die Bestimmung des Public Values herangezogen:

  • der politische Nutzen (übergeordnete politischen Zielsetzungen für staatliche Interventionen)
  • der Nutzen für die Stakeholder (Bewohner- innen und Bewohner sowie Akteurinnen und Akteure11) – Stakeholder Value (direkte Wirkungen)
  • der Nutzen für das Umfeld und die Gesell- schaft (indirekte Wirkungen) oder Public Value.

Der Public Value leistbaren Wohnens wird durch soziale, ökonomische, ökologische, räumliche und gesellschaftliche Wirkungen bestimmt. So senkt die Bereitstellung leistbaren Wohnraums durch die öffentliche Hand nachweislich die Kosten auf dem Gesamtmietsektor (soziale Wirkungsdimension). Der Wohnbau (Errichtung und Sanierung) ist ein wesentlicher Beschäftigungsmotor für die jeweilige Region (ökonomische Wirkungsdimension). Die Reduzierung des Heiz- wärmebedarfs und des Ausstoßes von CO2-Emissionen durch bauliche Maßnahmen tragen nachhaltig zum Klimaschutz bei (ökologische Wirkungsdimension). Mehrgeschoß- bauten und Gestaltungsqualität wirken einer Zersiedelung entgegen und sorgen für ein integriertes Stadtbild (räumliche Wirkungsdimension). Guter Wohnstandard und eine gesunde Wohnumgebung (z.B. kein Lärm, kein Schimmel etc.) erhöhen schließlich die Wohnzufriedenheit und senken die Gesund- heitskosten (gesellschaftliche Wirkungsdimension).

Dementsprechend bedarf es in allen wichtigen öffentlichen Leistungsbereichen einer systematischen Analyse und Steuerung des Public Value. Den mit den Leistungen ver- bundenen Kosten ist der gesellschaftliche Nutzen gegenüberzustellen.

Anmerkungen:

1Analog zum Shareholder Value im Privatsektor versuchte Moore einen Wertschöpfungsbegriff für den öffentlichen Sektor zu definieren.

2Vgl. Ochsenbauer: Dem Wert einen Preis geben. In: OrganisationsEntwicklung, Zeitschrift für Unternehmungsentwicklung und Change Management, 4 (2013), S. 40-47.

3Vgl. William Bratton and the New York City Police Department: The Challenge of Defining and Recognizing Public Value. In: Moore, Recognizing Public Value, 2013, S. 19-71.

4Die Wertschöpfung wird anhand unterschiedlicher Kriterien und Bewertungsdimensionen aufgezeigt. Dabei wird sowohl der Shareholder Value berücksichtigt, als auch der Public Value nicht ausschließlich vom Nutzen der KundInnen („user value“ oder „customer value“) abgeleitet.

5Vgl. Bauer, Helfried: Public Values für mehr Demokratie bestimmen. In: Forum Public Management 1 (2013), Wien, S. 13.

6In der Organisationsentwicklung kann der Public Value Ansatz darüber hinaus als Richtschnur dienen. Organisationen sind mehr denn je gefordert, sich und ihr Handeln auch gesellschaftlich zu legitimieren. Gründe dafür sind nicht nur der globale Wettbewerb und erhöhte Transparenz, sondern auch die sogenannte Generation Y mit ihren veränderten Ansprüchen und neue Geschäftsmodelle der Zusammen- arbeit zwischen den Sektoren.

7Vgl. Moore, Mark H.: Recognizing Public Value. Harvard University Press, Cambridge, Massachusetts, London, England 2013.

8Vgl. Biwald, Peter; Hochholdinger, Nikola; Schantl, Alexandra; Haindl, Anita: Schaffung von Public Value. Zentrale Aspekte und strategische Konsequenzen am Beispiel der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft. Eine KDZ-Studie im Auftrag des Österreichischen Verbandes gemeinnütziger Bauvereinigungen (Hrsg.), Wien 2011.

9Vgl. Bovaird, Tony: Basing strategy in the public sector on the concept of public value. In: Biwald, Peter; Dearing, Elisabeth; Weninger, Thomas (Hrsg.): Innovation im öffentlichen Sektor. Festschrift für Helfried Bauer, NwV Verlag, Graz 2008, S. 260-270.

10Vgl. Cole, Martin; Parston, Greg: Unlocking Public Value – A New Model for Achieving High Performance in Public Service Organisations. Hrsg. von John Wiley & Sons, Inc., Hoboken, New Jersey 2006.

11Damit sind die (Bau)Wirtschaft und die Gewährleister gemeint.

 

erschienen in: 
Forum Public Management 2014, 3, S. 4-6
Jahr: 
2014