Auf dem Weg zur digitalen Stadt - Wie die Gemeinden die digitale Transformation schaffen können.

Hatten Sie heute schon ihr Smartphone in Händen und damit E-Mails gecheckt, eine Fahrkarte gekauft, den Parkschein für das Auto aktiviert, die Nachrichten verfolgt oder noch rasch einen Einkauf über eine Online-Plattform getätigt? All diese Services nehmen wir privat oft in Anspruch; manche mehr, andere weniger. Apps, Onlineanwendungen und Services sind aus unserem Alltag nicht mehr weg zu denken. Amazon & Co definieren heute schon digitale Standards für unseren Alltag und unser Serviceverständnis. In den Krankenhäusern kommt man ohne Roboter nicht aus und allerorts werden selbstfahrende Fahrzeuge getestet und künstliche Intelligenz erprobt.

Das Thema Digitalisierung ist im öffentlichen Diskurs allgegenwärtig. Alle machen sich – so scheint es jedenfalls – fit für die Digitalisierung! Dänemark und Estland engagieren sich in Sachen Digitalisierung des öffentlichen Sektors schon seit Jahren und sind nicht mehr nur Vorreiter in Europa, sondern für viele Benchmark. Österreich gilt vielen ebenfalls als positives Beispiel.

Wie gehen nun aber Gemeinden und Städte mit dem Thema Digitalisierung um? Wie können sie den Sprung in diese digitale Zukunft schaffen? Was braucht es dazu an Voraussetzungen und wie gelingt es letztlich auch die BürgerInnen und die MitarbeiterInnen auf diesem Weg mitzunehmen? Diesen Fragen wollen hier nachgehen und einige Diskussionsimpulse setzen.

Digitalisierung ist in aller Munde. Doch in den vielen, vor allem auch technischen Begrifflichkeiten verliert man schnell die Orientierung und ist sich bald nicht mehr sicher, ob alle vom Selben reden. Wir haben uns darauf verständigt, Digitalisierung als eine Querschnittsmaterie mit sehr unterschiedlichen Facetten zu sehen (Siehe Abbildung).

 

Exemplarischer, nicht abschließender Überblick über Aspekte der Digitalisierung in Kommunen. Quelle: KDZ 2018.

Zu unserem Verständnis von Digitalisierung zählt auch, dass sie kein Selbstzweck ist. Es geht nicht darum, eine „neue Spielerei“ zu implementieren. Digitalisierung kann helfen Lebensqualität in unseren Städten und Gemeinden für deren BewohnerInnen durch neue technische Möglichkeiten zu verbessern und/oder die Leistungsfähigkeit der Verwaltung zu erhöhen. Digitalisierung in der Verwaltung meint hier nicht nur ein einzelnes Verfahren – z. B. ein neues Finanzverfahren – einzusetzen, sondern mittelfristig die meisten Verwaltungsprozesse und die Interaktion mit den BürgerInnen – so es Sinn macht und einen Mehrwert stiftet – digitalisiert ablaufen zu lassen. Aber: Der Nutzen für die Menschen muss dabei der zentrale Maßstab sein!

Wenn wir an dieser Stelle die – zugegebenermaßen – fundamentalen Voraussetzungen für den digitalen Wandel, nämlich die für die anstehenden Investitionen erforderlichen v. a. finanziellen Ressourcen und die vielen noch ungeklärten rechtlichen Fragen, zurückstellen, dann bleiben immer noch genügend Rädchen, an denen gedreht werden muss auf dem Weg zur digitalen Stadt.

Klarheit über den eigenen Digitalisierungspfad schaffen

Da ist zunächst einmal von den Verantwortlichen in den Kommunen Klarheit darüber zu schaffen, wohin der individuelle Digitalisierungsweg eigentlich führen soll. Wo kann Digitalisierung für die eigene Kommune, für die BürgerInnen und auch die MitarbeiterInnen der Verwaltung Nutzen stiften? Welche Themen und Schwerpunkte wollen wir aus dem umfangreichen „Katalog“ an Möglichkeiten für uns nutzen? Legen wir beispielsweise den Fokus mehr auf die digitale Stadtentwicklung (Stichwort „Smart City“) oder die Digitalisierung der Verwaltung, oder verfolgen wir beide Entwicklungsrichtungen. In einem Konzept (z. B. einer digitalen Agenda) kann dies transparent gemacht werden und für alle eine ständige Orientierung auf dem Weg durch den Digitalisierungsdschungel sein.

Nutzen sichtbar machen und Risiken nicht tabuisieren

Die Digitalisierung in all ihren Ausgestaltungsformen eröffnet ganz neue Möglichkeiten der städtischen Entwicklung. Aber was macht diese Veränderung mit der Gesellschaft, mit den Menschen? In den Verwaltungsorganisationen kann und soll die Digitalisierung die Arbeit vereinfachen, das Zusammenarbeiten wirtschaftlich effizienter machen. Viele MitarbeiterInnen haben aber vielfach angesichts der Digitalisierung Bedenken und Befürchtungen. Das können Ängste um den Arbeitsplatz sein, der automatisiert werden soll, oder die Unruhe über die neuen Rollen und Aufgaben. Um erlebbar zu machen, dass die Digitalisierung für die Verantwortlichen in den Städten kein Selbstzweck ist, muss dessen Mehrwert und Nutzen sichtbar werden. Gleichzeitig gilt es aber auch offen die Bedenken oder gar potentielle Risiken – man denke nur an die aktuelle Diskussion über künstliche Intelligenz – zu thematisieren und Position zu beziehen.

Menschen mitnehmen und digitale Kompetenzen ausbauen

Die Geschwindigkeit der digitalen Welt hält uns in Atem. Plötzlich sind mehr Eigenverantwortung und mehr Autonomie gefragt. Digital Natives zappen durch Apps und Anwendungen, wie einst Hände im 10-Fingersytem über die Tasten der Schreibmaschine flogen; die BabyBoomer tun sich da vergleichsweise schwerer. Mancherorts sind bereits heute interessante neue Konstellationen entstanden: im „Reverse Coaching“ bringen junge MitarbeiterInnen ihre älteren KollegInnen auf die Überholspur und vermitteln das notwendige neue Technikwissen.

In den veränderten Arbeitsweisen und Arbeitskulturen der digitalen Zukunft müssen sich viele erst zurechtfinden. Das verunsichert und gleichzeitig braucht es aber einen breiten Veränderungsoptimismus, um die anstehenden Herausforderungen zu bewältigen und mit neuen digitalen Kompetenzen in der Arbeitswelt von morgen zu bestehen. Diese digitalen Kompetenzen müssen ab sofort Berücksichtigung bei der Personalauswahl finden, und sie müssen Eingang in die Aus- und Weiterbildungsprogramme finden, wie einst, als es galt, die heutigen Kulturtechniken Lesen, Schreiben, Rechnen zu fördern und zu entwickeln.

Offene Kultur des Experimentierens, aber auch des Scheiterns

Die Digitalisierung wird vielfach als eine disruptive Entwicklung beschrieben, die in ihrer Wirkung ähnlich der industriellen Revolution Wirtschaft und Gesellschaft ganz grundlegend verändern könnte. Was braucht es auf dem Weg dorthin, damit der Transformationsprozess gelingen kann? Welchen kulturellen Wandel braucht es, um diesen grundlegenden Wandel zu schaffen?

Wir brauchen jedenfalls mehr Tempo. Fünf bis zehn Jahre überlegen, erproben und perfektionieren können wir uns nicht leisten. Beinahe halbjährlich kommen neue Handys auf den Markt, alle paar Tage fordert das Handy dazu auf, Updates herunterzuladen. Das zeigt, wir brauchen für den Umgang mit der Digitalisierung ein neues Mindset und eine innovationsorientierte offene Organisationskultur in unseren Kommunen. Der Umgang mit hohen Entwicklungsgeschwindigkeiten und agilem Projektmanagement ist ebenso notwendig wie das Schaffen von neuartigen Räumen zum Ausprobieren und Experimentieren. Auch braucht es eine neue Kultur des Scheiterns; mit der uns eigenen „Null-Fehler“- Kultur bleiben wir auf dem Standstreifen zurück. Das stellt viele Traditionen und Grundfeste der hierarchischen Organisation in Frage. Eine neue und für Veränderungen offene Organisationskultur zu formen, ist zu allererst eine Aufgabe der Führungskräfte. An ihnen orientieren sich die Beschäftigten und nehmen sie als Vorbild. Hier müssen wir weiterdenken und ebenso Lösungen finden und nicht nur neue Technik entwickeln.

Der Weg der Digitalisierung ist eine Teamaufgabe

In vielen von uns untersuchten Kommunen tauchen mit dem Chief Digital Officer oder Digital Innovation Commissioner neuartige Berufsbezeichnungen auf, hinter denen sich letztlich der organisatorische „Kümmerer“ für die Steuerung des gesamten Innovationsprozesses der Digitalisierung in einer Kommune verbirgt. Ein Kümmerer allein kann es jedoch nicht richten! Gerade die nordischen Beispiele zeigen, dass die Aufgabe der Digitalisierung als eine Teamaufgabe im gesamten Staat zu organisieren ist. Gute Ansätze gibt es hier in Österreich beim Thema zentrale Register. Aber auch die Kommunen sind dazu aufgerufen in der Stadt und der Region Partner zu gewinnen: die eigenen Unternehmen (z. B. Stadtwerke), die lokalen Betriebe (v. a. auch dynamische Startups), die Zivilgesellschaft und nicht zuletzt Bildungs- und Wissenschaftsorganisationen. Wer in diesem Zusammenhang nach Deutschland zum unlängst durchgeführten Bitcom-Wettbewerb blickt, der kann dort sehr klar sehen, dass die Mobilisierung all dieser Gruppen eine zentrale Aufgabe der Kommunen am Beginn des Digitalisierungsweges ist.

Vom Reden ins Tun kommen

Viel wird gegenwärtig über Digitalisierung gesprochen. Nicht immer ist klar, ob alle vom Selben reden. Nur einzelne Lösungen im Blick zu haben greift zu kurz. Die Kommunikation und Interaktion wird sich durch die Digitalisierung grundlegend verändern. Da muss Bürgerservice auch neu gedacht und neu ausgerichtet werden, diesem Aspekt werden wir uns in nächster Zeit intensiv widmen. Wir sind der Meinung, Kommunen müssen heute schon einen Schritt weiterdenken und sich proaktiv dem Thema widmen und den eigenen digitalen Entwicklungspfad vorausdenken.

MEHR ZU DIGITALISIERUNG: Wir sind am Österreichischen Städtetag (6. bis 8. Juni 2018) am KDZ Messestand 16B vertreten.

erschienen in: 
Forum Public Management 2018, 1, S. 4 -7
Jahr: 
2018